44 Milliarden Euro für den Volkswagen der Zukunft

Zwickau/Wolfsburg  Volkswagen stockt Investitionen in Elektromobilität auf. Drei Werke werden für E-Autos umgebaut. Viele Arbeitsplätze sind gefährdet.

 Verwaltungshochhaus in Wolfsburg:

Verwaltungshochhaus in Wolfsburg:

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Auch wenn es die neuzeitlich-funktionale Industriearchitektur des VW-Werks nicht verrät: Der Automobilbau hat im sächsischen Zwickau eine lange Tradition. Sie begann 1904 mit dem Audi-Vorläufer Horch. Nun soll in Zwickau eine neue Ära beginnen. Als weltweit erstes Werk des VW-Konzerns wird die Fabrik bis Ende nächsten Jahres für die Produktion von Elektroautos umgerüstet.

Zunächst sollen Stromer und die Verbrennermodelle Golf und Golf Variant parallel gebaut werden, voraussichtlich ab 2021 nur noch E-Autos. In den Umbau des Werks, Vorbild für andere Standorte, investiert VW 1,2 Milliarden Euro. Er gleicht einer Operation am offenen Herzen, weil die Produktion nicht unterbrochen wird.

Insgesamt steckt VW 2019 bis 2023 knapp 44 Milliarden Euro in Elektromobilität, autonomes Fahren und Digitalisierung, wie der Konzern am Freitag nach der Aufsichtsratssitzung berichtete. Der Konzern stockt noch einmal auf: Zwischen 2018 und 2022 sollten zuletzt 34 Milliarden Euro investiert werden. Weitere vier Milliarden Euro fließen für Zukunftstechnologien nach China.

Volkswagen hatte die E-Mobilität lange Jahre eher nur am Rande betrachtet, Konzernchef Herbert Diess möchte jetzt aber das Innovationstempo erhöhen. Neben Zwickau will der Konzern auch die Werke in Emden und Hannover für E-Autos umrüsten.

Ab 2019 soll in Zwickau gebaut werden

In Halle 2 des Zwickauer Werks ist es derzeit vergleichsweise ruhig. Dort singen keine Roboter, Bänder und elektrische Transportwagen ihr monotones Lied der Arbeit, stattdessen herrscht Baustellenatmosphäre. Bis zum Sommer lief hier der Passat vom Band, nun wird für die neuen E-Autos umgerüstet. Hinter Sichtschutzwänden ragen orangefarbene Roboterarme des Augsburger Herstellers Kuka hervor, die weite Teile der Montage übernehmen werden. Sie werden derzeit programmiert.

Als erstes E-Auto soll ab 2019 in Zwickau der I.D. der Marke VW gebaut werden. Dieses Auto im Golfformat steht für eine ganze Familie neuer E-Modelle. Die Konstruktion ist anders als bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor: Der aus Motor und Getriebe bestehende Antriebsstrang ist deutlich kompakter als die bisherigen Verbrennungsmotor-Getriebe-Einheiten. Dadurch werden die Radstände länger, der vordere Überhang kürzer. Das Batteriesystem verschwindet im Unterboden. Das Ergebnis: E-Autos der neuesten Generation bieten deutlich mehr Platz.

Beim normalen I.D. soll es in Zwickau nicht bleiben. Dort sollen auch eine SUV-Variante des I.D. sowie ein weiteres E-SUV für die Marke VW gefertigt werden. Hinzukommen sollen zwei Elektro-SUV für Audi sowie ein Elektro-Kompaktmodell für die spanische VW-Tochter Seat. In Summe also ab 2021 sechs verschiedene Modelle für drei Konzernmarken.

Fertigung von E-Autos weniger aufwendig

Auch das ist neu in Zwickau, wo bislang nur für die Kernmarke produziert wurde. Das Werk wird zu einer Mehrmarkenfabrik, genau so, wie es die neue Konzernstrategie vorsieht. Geht die Planung auf, verlassen in Zwickau bis zu 1500 E-Autos täglich die Werkshallen, die Jahreskapazität liegt bei 330.000 Fahrzeugen.

Das wäre eine deutliche Steigerung gegenüber dem aktuellen Volumen. Bei Vollauslastung baut Zwickau derzeit etwa 1350 Autos am Tag. Dieser Zuwachs soll beziehungsweise muss ein Hebel sein, um die 7700 Arbeitsplätze zu erhalten. Denn der Umbau auf die Elektromobilität führt zwangsläufig zu einer deutlich gesteigerten Produktivität.

Der Grund: Die Fertigung von E-Autos ist weit weniger aufwendig als die Produktion von Benzin- oder Dieselmodellen. Mit demselben Arbeitseinsatz können also mehr Fahrzeuge gefertigt werden. VW erwartet in Zwickau eine Produktionssteigerung von 20 Prozent. Ohne Wachstum würde für die Beschäftigten daher die Arbeit fehlen. Bis 2025 gilt eine Beschäftigungssicherung, direkt Sorgen muss sich niemand machen.

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Stellenabbau in deutschen Werken geplant

Aber die hohen Investitionen muss VW sich selbst erarbeiten – das bedeutet Sparprogramme in Milliardenumfang. Unter anderem auch durch Stellenabbau. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh sagte bereits, dass Arbeitsplätze durch die Umstellung auf E-Auto-Produktion verloren gingen. In Hannover zum Beispiel sollen bis 2028 bis zu 4000 Stellen über Altersteilzeit abgebaut werden. Derzeit arbeiten dort knapp 14.000 Beschäftigte.

Geld sparen will VW auch in der Fertigung. Sie soll digitaler werden, noch automatisierter. Das gilt für das selbstfahrende Transportsystem innerhalb des Werks ebenso wie für die vollautomatische Montage des Fahrzeug-Cockpits. Für diese Montage soll der Roboter das Fühlen lernen, um die richtigen Ansatzpunkte zu finden.

Und die Werke werden anders ausgelastet. Produktionsvorstand Oliver Blume sagte, markenübergreifende Produktfamilien würden gebündelt, „um maximale Synergien und Kostenvorteile zu nutzen“. VW Golf, Audi A3, Skoda Octavia und Seat Leon würden zum Beispiel in einem Werk gefertigt. Ebenfalls um die Kosten zu senken, baut VW ein neues Werk in Osteuropa, wo genau, ist noch offen.

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