Volkswagen läutet auf der IAA neue Ära ein

Frankfurt.  VW-Vorstand Welsch: Menschen sollen elektrischen ID.3 mit Begeisterung kaufen, nicht aus schlechtem Gewissen.

Volkswagen-Chefdesigner Klaus Bischoff stellt auf der IAA in Frankfurt den neuen ID.3 vor. Noch Ende diesen Jahres soll das Modell im VW-Werk Zwickau in Produktion gehen.

Volkswagen-Chefdesigner Klaus Bischoff stellt auf der IAA in Frankfurt den neuen ID.3 vor. Noch Ende diesen Jahres soll das Modell im VW-Werk Zwickau in Produktion gehen.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Rund eine Stunde Zeit nahmen sich die VW-Verantwortlichen am Montagabend auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt, um der Öffentlichkeit ihren Entwurf der Zukunft der Mobilität vorzustellen. Im Mittelpunkt standen dabei der ID.3, das erste Modell einer neuen, rein elektrisch angetriebenen Fahrzeug-Familie, sowie der neue Markenauftritt samt abgespecktem Logo. Weil die Präsentation in der Messehalle 3 stattfand, in der auch die anderen Konzernmarken ihre Neuheiten zeigen, verliefen sich die Besucher im Anschluss rasch im Weit des Areals, das nun einer riesigen Markthalle glich. Die Konzentrationsspanne auf „das neue Volkswagen“, wie es Vorstandschef Herbert Diess nennt, war also überschaubar.

Im Vergleich zu vorangegangenen Messeauftritten der Marke VW war in Frankfurt ohnehin vieles anders. Das lag natürlich am ID.3 als Vertreter einer mobilen Zeitenwende und auch am neuen Logo. Doch das war es nicht allein. Auch nicht die neuen Farben, die das jahrelange Messe-weiß ablösten. Anders war zum Beispiel auch, dass der ID.3 von den Besuchern schon begutachtet werden konnte, noch während die Präsentationsreden gehalten wurden. Das sorgte für Lebendigkeit, Unruhe in der Halle. Und anders als bei vorangegangenen Präsentationen stand nicht der Vorstandsvorsitzende allein im Mittelpunkt, sondern für das neue Auto und seine Vermarktung verantwortliche Top-Manager.

Konzernchef Herbert Diess, der noch zwei Stunden zuvor in einem online übertragenen Streitgespräch der Tageszeitung „taz“ mit der Umweltaktivistin Tina Velo reichlich verbale Prügel einstecken musste, hatte seinen Auftritt erst zum Ende der Präsentation. Den nutzte er, um einige politische Botschaften zu platzieren. So könnten E-Autos etwa einen Beitrag zur Energiewende leisten, wenn sie als Stromspeicher eingesetzt würden. Damit die E-Fahrzeuge wirklich sauber unterwegs seien, müsse die Energieerzeugung allerdings umgestellt werden.

Diess forderte zudem eine Reform der Kfz- und CO2-Besteuerung, damit der Umstieg auf ein E-Auto attraktiver werde. Die neue E-Mobilität dürfe Geringverdiener nicht ausschließen, daher müsste staatliche Förderungen auf Gebrauchtfahrzeuge ausgeweitet werden. „Gesellschaft, Wirtschaft, Politik müssen geschlossen handeln“, sagte Diess. Für Deutschland biete sich die Chance, Leitmarkt für E-Mobilität zu werden. „Der Volkswagen-Konzern geht voran. Wir gestalten die Mobilität der Zukunft“, sagte er. Getragen werde der Autobauer „vom Mut, der Kraft und der Leidenschaft“ seiner Mitarbeiter.

Auch wenn die Präsentation in Frankfurt mit kräftigem Applaus der Gäste gewürdigt wurde, gefiel sie nicht jedem. Zu lang seien die einzelnen Redebeiträge gewesen, nörgelten einige. Andere störten sich daran, dass auch Kinder auf die Bühne geholt wurden, um die Vorzüge der E-Mobilität und des ID.3 zu preisen. Damit biedere sich VW zu sehr an, setze zu sehr auf den Zeitgeist und spiele daher unter seinem Niveau, war an einigen Stellen zu hören. Auch sollten Kinder nicht instrumentalisiert werden.

Natürlich gibt der Autobauer nicht allein aus Menschen- und Naturliebe Gas beim Umbau auf alternative Antriebe. Getrieben wird das Unternehmen von strenger werdenden CO2-Grenzwerten in Europa und auch in China. Allerdings setzt kein anderer Autobauer so konsequent auf Elektro-Antriebe wie die Wolfsburger. Um die Grenzwerte einhalten zu können und um auch wirtschaftlich lebensfähig zu bleiben, sind sie darauf angewiesen, dass sich die Autos der ID.-Familie rasch in hoher Auflage verkaufen.

Gebaut wird der ID.3 ab Ende des Jahres im sächsischen Werk Zwickau, zu den Händlern kommt er dann im neuen Jahr. Christian Senger, im Vorstand der Marke VW für das Thema Digitalisierung verantwortlich, ist überzeugt, dass das Auto 2020 viele Käufer finden wird. Richtig spannend werde wohl das Jahr 2021, wenn die erste Euphorie verflogen sei, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Das zweite Jahr wird entscheidend.“ Allerdings ist davon auszugehen, dass VW dann schon das zweite Modell der ID.-Familie produziert und somit das Angebot an E-Fahrzeugen ausweitet. Der Wurm muss dem Fisch halt schmecken.

Knapp zwei Stunden nach Ende der Präsentation saß VW-Entwicklungsvorstand Frank Welsch in kleiner Runde in Nähe der Bühne, auf der das neue Auto vorgestellt wurde. Stolz sei er und erfüllt, weil an diesem Abend das Ergebnis knapp vierjähriger Entwicklungsarbeit sichtbar geworden sei, sagte er zufrieden lächelnd.

Die Entwicklung des ID.3 sei sicher einer der Höhepunkte in seiner Karriere. Das Auto solle der gesamten Branche helfen, E-Mobilität attraktiver zu machen. „Der ID.3 soll einen Beitrag leisten, die Menschen dazu zu bringen, auf E-Autos umzusteigen. Sie sollen das Auto aus Begeisterung kaufen, nicht aus schlechtem Gewissen“, sagte Welsch. Er sei überzeugt, dass dies gelingt.

Welsch sprach aber auch ein Modell an, das an diesem Abend sonst keine Rolle spielte – den Golf 8. Die neueste Generation des Wolfsburger Brot-und-Butter-Autos sei von seinem Team parallel zum ID.3 entwickelt worden und überspringe gemessen an seinen inneren technischen Eigenschaften eine Generation. Auch das sei eine besondere Leistung seines Teams, lobte Welsch. Präsentiert wird der Golf 8 auf einer eigenen Veranstaltung in der zweiten Oktoberhälfte in Wolfsburg.

Seit dem Golf 4 habe er an jeder Golf-Generation mitgearbeitet, berichtete Welsch – immer mit wachsender Verantwortung. Beim Golf 4 habe er vom damaligen VW-Vorstandschef Ferdinand Piëch den Auftrag bekommen, dass das Auto beim Seitenaufprall-Crashtest „grüne Männchen“ erhalte – den Test also mit Bestnoten bestehe. Diese Mission sei gelungen.

Auch wenn sie noch da sind, die Schatten der Vergangenheit und mit ihnen die Schatten des einst so mächtigen VW-Managers Piëch, so verblassen sie doch – so, wie etwa die Gewichtung des Golf auf einer Messe wie der IAA an Bedeutung verliert.

Die Zeiten ändern sich, Volkswagen ändert sich. Nun müssen die Kunden noch mitgehen.

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