Der Diesel lässt VW nicht los

Wolfsburg.  Bei der Durchsuchung wegen des Motors EA 288 ging es nicht um den Grund, den der Autobauer nannte.

Der Auspuff eines Diesel-Fahrzeugs.

Der Auspuff eines Diesel-Fahrzeugs.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Nachdem am Dienstag Ermittler VW-Büros in Wolfsburg durchsucht hatten, informierte der Konzern ungewöhnlich ausführlich über den vermeintlichen Hintergrund: In Dieseln mit dem EA 288 der ersten Modelljahre werde möglicherweise ein Ausfall des SCR-Katalysators nicht korrekt angezeigt. Der Motor ist der Nachfolger des Betrugsmotors EA 189, um den sich der Diesel-Skandal hauptsächlich dreht – die Befürchtung, dass der Eindruck entsteht, der Skandal vergrößere sich vier Jahre nach seinem Bekanntwerden noch einmal, ist in Wolfsburg also offenbar groß. Doch nach Informationen unserer Zeitung war die eventuell falsche Anzeige zum SCR-Kat nicht der Grund für den Besuch der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Die Affäre könnte sich also durchaus noch einmal ausweiten.

Sowohl VW selbst als auch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hatten den EA 288 nach Bekanntwerden des Abgas-Betrugs im September 2015 überprüft und waren zu dem Ergebnis gekommen, dass er nicht von den Manipulationen betroffen sei. Er enthalte keine unzulässige Abschalteinrichtung. Das bekräftigten die Wolfsburger auch nach der aktuellen Durchsuchung sowie das KBA am Donnerstag gegenüber unserer Zeitung. Das Verkehrsministerium hatte dies im September ebenfalls bestätigt, nachdem der SWR berichtet hatte, auch im EA 288 könnte eine Manipulations-Software stecken. VW hatte dies scharf zurückgewiesen.

Zeugen hatten offenbar ausgesagt, auch der EA 288 enthalte die Betrugsfunktion

Die Staatsanwaltschaft will sich bisher nicht zum Grund der aktuellen Durchsuchung äußern. Doch offensichtlich hegt die Behörde trotzdem den Verdacht, dass es auch beim EA 288 nicht mit rechten Dingen zugeht. Das hatten offenbar mehrere Zeugen gegenüber den Ermittlern ausgesagt, wie das „Handelsblatt“ berichtete. Demnach enthält der Motor ebenfalls eine entsprechende Abschalteinrichtung. Einige der Vernommenen hätten allerdings betont, dass diese nie zum Einsatz gekommen sei. Dazu würde Volkswagens Aussage passen, dass das Emissionsverhalten des EA 288 auch auf der Straße außerordentlich gut sei. „Das Emissionsverhalten gehört zu den besten seiner Klasse.“ Einige Beschuldigte hatten laut „Handelsblatt“ allerdings ausgesagt, dass auf der Straße weniger Ad-Blue zur Abgasreinigung eingespritzt werde.

Aus einem Hinweisbeschluss des Oberlandesgerichts Köln geht hervor, dass VW im Dezember 2015 in einem Schreiben an das KBA erklärte, die Technik, mit der beim EA 189 die Stickoxidwerte manipuliert wurden, sei auch im EA 288 enthalten. Doch beim EA 288 beeinflusse dies die Emissionen nicht. Damit ist die Abschalteinrichtung laut VW nicht illegal. Den Richtern leuchtete dies allerdings noch nicht ein, sie forderten weitere Informationen. „Das erklärt sich alles jedenfalls auch nicht von selbst“, heißt es in dem Hinweisbeschluss. Ein Urteil wird es in diesem Fall jedoch nicht geben, Kläger und VW einigten sich außergerichtlich.

Anwalt erwartet neue Klagewelle

Insgesamt wurden nach Angaben von VW bisher weltweit vier Millionen Fahrzeuge mit dem EA 288 verkauft. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft beziehen sich aber offenbar nicht auf die Gesamtzahl, sondern nur auf einen Teil der Diesel. Inzwischen wird der Motor nicht mehr in der Form verbaut.

Anwälte wittern schon das nächste Geschäft. Peter Hahn von Hahn-Rechtsanwälte zum Beispiel geht davon aus, dass wegen des EA 288 eine neue Klagewelle auf VW zukommen werde. Etwa 750 Klagen sind nach Angaben eines VW-Sprechers bereits dazu anhängig, zudem knapp 200 Urteile gefallen. Rund 99 Prozent seien im Sinne des Autobauers gesprochen worden. Wegen des Vorgängermotors EA 189 haben in Deutschland mehr als 150.000 Kunden geklagt, weitere rund 400.000 schlossen sich der Musterfeststellungsklage an.

In den USA war der EA 288 als illegal eingestuft worden, dort gelten allerdings andere Vorschriften als hierzulande.

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