Coronavirus könnte bis zu 1,8 Millionen Jobs kosten

Berlin.  Deutschland stürzt durch Corona-Krise in die Rezession. Wirtschaftsforscher setzen auf Kurzarbeit und Hilfen. Aber wird das reichen?

Die Produktion steht vielerorts still, die Folgen sind schon jetzt gravierend. Auch die VW-Lastwagentochter Traton hat die bisherigen Geschäftsprognosen für das laufende Jahr widerrufen.

Die Produktion steht vielerorts still, die Folgen sind schon jetzt gravierend. Auch die VW-Lastwagentochter Traton hat die bisherigen Geschäftsprognosen für das laufende Jahr widerrufen.

Foto: Sven Hoppe / dpa

Die Corona-Krise wird für die Wirtschaft zu einem schwierigen Prüfstein. Die Bundesbank erwartet für Deutschland eine „ausgeprägte Rezession“, die nicht mehr zu verhindern ist. Auch Wirtschaftswissenschaftler zeichnen düstere Szenarien.

Nach Einschätzung des Ifo-Instituts wird die Krise Hunderte Milliarden Euro und mindestens eine Million Jobs kosten. Eine Erholung wird erst erwartet, wenn die Pandemiegefahr wirksam eingedämmt ist.

Coronavirus: Die Krise trifft fast alle

Restaurants und Hotels sind geschlossen, Messen fallen aus, Industriebänder stehen still, der Export stockt – die Krise zieht sich längst durch fast alle Branchen. Sie trifft Beschäftigte, Selbstständige und Unternehmen.

Besonders gebeutelt sind jene Bereiche – wie Luftfahrt oder die Unterhaltungsbranche –, die bislang die Konjunktur besonders gestützt haben. Die Folgen der Stilllegungen werden laut Bundesbank die Wirtschaftsleistungen mindestens in der ersten Jahreshälfte massiv beeinträchtigen.

Corona-Krise könnte zu Lieferengpässen und Exporteinbußen führen

Zudem dürften die Exporte in Länder zurückgehen, die von der Pandemie besonders betroffen sind. Gleichzeitig drohten umgekehrt Lieferengpässe aus diesen Ländern, die wiederum zu Herstellungsengpässen in Deutschland führen – was bereits zur Stilllegung der Autoproduktion geführt hat.

Einen gewissen Puffer stellen laut Bundesbank dagegen die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) – wie das 750-Milliarden-Anleihenkaufprogramm – sowie der Bundesregierung dar, die mit massiven Milliardenhilfen versuchen, die Liquidität der Wirtschaft zu erhalten. Die Bundesregierung selbst rechnet mit einem Wirtschaftseinbruch um fünf Prozent.

Stillstand könnte bis zu 729 Milliarden Euro kosten

Je nachdem, ob die Wirtschaft zwei Monate oder doch eher drei Monate stillliege, schrumpfe die deutsche Wirtschaft um 7,2 bis 20,6 Prozentpunkte, rechnet Ifo-Präsident Clemens Fuest vor. Das entspreche Kosten von 255 bis 729 Milliarden Euro. Auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte vor einer unkontrollierbaren Rezession gewarnt.

Eine einzige Woche Verlängerung der Teilschließung verursacht laut Ifo-Berechnungen zusätzliche Kosten von 25 bis 57 Milliarden Euro und damit einen Rückgang des Wachstums um 0,7 bis 1,6 Prozentpunkte. „Die Kosten werden voraussichtlich alles übersteigen, was aus Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte in Deutschland bekannt ist.“

Auch für den Arbeitsmarkt sei das fatal: Bis zu 1,8 Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs könnten abgebaut werden, warnt Fuest. Von der Kurzarbeit könnten laut Ifo-Berechnung bis zu sechs Millionen Menschen betroffen sein. Das Bundesarbeitsministerium geht derzeit noch von 2,35 Millionen Menschen in Kurzarbeit aus – unter ihnen werden wohl viele Arbeitnehmer von Mittelstands-Unternehmen sein.

Fratzscher: „Zeit ist der kritische Faktor“

Andere Wirtschaftswissenschaftler geben sich bei einer Umfrage unserer Redaktion bei möglichen Prognosen zurückhaltender. „Derzeit ist es ausgesprochen schwierig, eine verlässliche Prognose abzugeben“, sagt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher.

Niemand habe Erfahrungen mit Krisen dieser Art, zudem sei nicht absehbar, „wie lange das wirtschaftliche Koma andauern wird – und Zeit ist der kritische Faktor“. Der wirtschaftliche Schaden steige „mit Andauern der Krise nicht linear, sondern exponentiell“. So würden Insolvenzen der Wirtschaft nicht nur temporär, sondern permanent schaden.

Kann die Kurzarbeit helfen?

Der Konjunkturchef vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Grömling, erwartet, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um fünf bis zehn Prozent zurückgehen könnte. „Verlässliche Prognosen lassen sich allerdings nicht ernsthaft erstellen. Der Stand von heute kann schon morgen überholt sein. Das Risiko einer Verschlechterung der Aussichten steigt mit der Dauer der Krise.“

Grömling geht davon aus, dass es sich um eine vorübergehende schwere Krise handelt. Beim Jobabbau ist er jedoch nicht so pessimistisch: „Die Kurzarbeit ist ein wichtiges Auffangnetz gegen die Arbeitslosigkeit. Dieses Instrument hatte sich auch in der Finanzmarktkrise 2009 bewährt.“ Diese Regeln gelten bei der Kurzarbeit.

Weltwirtschaftsinstitut geht von schneller Produktionsaufnahme aus

Wie lange die Krise andauern wird, hängt entscheidend davon ab, wie schnell man die Neuinfektionen kontrollieren kann, ist der Direktor vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), Henning Vöpel, überzeugt.

„Die Krise unterscheidet sich der Art nach von früheren Krisen oder typischen Rezessionen. Wir gehen davon aus, dass die Produktion sehr schnell wieder hochläuft, sobald ein Mittel gegen das Virus gefunden ist oder die Infektionszahlen deutlich zurückgehen“, sagte Vöpel.

IMK erwartet massiven Rückgang des BIPs

Das arbeitnehmernahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) erwartet einen massiven Rückgang des Bruttoinlandsprodukts.

„Inwieweit die Arbeitslosigkeit in dieser Krise massiv ansteigt, hängt ganz zentral davon ab, ob es gelingen kann, mit der Unterstützung von Unternehmen, aber auch den gelockerten Regeln zur Kurzarbeit, Betriebe vor Pleiten zu bewahren und die Unternehmen dazu zu bewegen, ihre Beschäftigten zu halten“, sagt IMK-Direktor Sebastian Dullien.

Felbermayr: Arbeitslosenquote könnte unverändert bleiben

Auch der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Gabriel Felbermayr, hat für den Arbeitsmarkt durchaus Zuversicht: Die allermeisten Unternehmen würden darauf bedacht sein, „ihr Personal zu halten und die Arbeitsausfälle über betriebsinterne Maßnahmen oder die Inanspruchnahme von Kurzarbeit aufzufangen“.

Das setze aber natürlich voraus, dass die Unternehmen die Krise durchstünden. Wenn die Pandemie bis zur Jahresmitte abflaut und die Wirtschaft im zweiten Halbjahr mit einem Aufholprozess starten kann, „dürfte die Arbeitslosenquote praktisch unverändert bei circa fünf Prozent verbleiben. Dauert die Krise länger und zieht sich womöglich bis ins nächste Jahr, wird sie wohl spürbar steigen.“

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