„Wir verlieren in der Krise wertvolle Zeit“

Braunschweig.  Dirk Bode, Chef des Braunschweiger IT-Spezialisten FME AG, fordert mehr Einsatz der Politik für die Digitalisierung.

Grundschüler arbeiten an Computern.

Grundschüler arbeiten an Computern.

Foto: Friso Gentsch / dpa

Der Bund und auch das Land Niedersachsen müssen sich stärker engagieren, wenn es um die Digitalisierung von Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen geht. Das fordert Dirk Bode, Vorstandschef des Braunschweiger IT-Unternehmens FME AG. Die Digitalisierung werde von der Politik zwar regelmäßig beschworen, praktisch aber zu wenig dafür getan. Bode ist überzeugt: „Hoch digitalisierte Unternehmen kommen deutlich besser durch die Corona-Krise.“

Nach Einschätzung Bodes läuft Deutschland Gefahr, die Krise als Chance für einen Digitalisierungsschub zu verpassen. „In vielen Unternehmen, gerade auch im Mittelstand, sind die Budgettöpfe verschlossen“, sagt er. IT-Unternehmen aus der Region, darunter die FME AG, und der Arbeitgeberverband hätten die Idee für einen vom Land zu finanzierenden Beratungsgutschein entwickelt. „Bisher haben wir aber keine positive Rückmeldung“, sagt Bode.

Dabei könne eine solche Förderung viel bewegen. Mittelständler könnten von Experten zu Fragen rund um die Digitalisierung individuell beraten werden. Bode denkt etwa an sogenannte digitale Endkundenprozesse. „Dabei geht es um die Frage, wie der Kunde mit dem Unternehmen in Kontakt tritt“, erläutert Bode. Ein Aspekt, der gerade durch die Corona-Beschränkungen an Bedeutung gewonnen hat. „Bei der Beratung muss es stets darum gehen, an welcher Stelle am schnellsten Ergebnisse erzielt werden können.“

„Wir brauchen unbedingt Impulse“

Die derzeit öffentlich geförderte Beratungsunterstützung für kleine und mittlere Unternehmen, die besonders von der Corona-Krise betroffen sind, sei nicht ausreichend, sagt Bode. Sie laufen an größeren Mittelständlern vorbei. „So verlieren wir in der Krise wertvolle Zeit, dabei brauchen wir unbedingt Impulse.“

Auch Schulen hätten Handlungsbedarf

Doch nicht nur in Unternehmen sieht Bode digitalen Handlungsbedarf, sondern auch in öffentlichen Einrichtungen – etwa Schulen. Die Spreizung der in der Corona-Krise offensichtlich gewordenen digitalen Kompetenz der einzelnen Schulen sei zu groß. „Da sehe ich noch sehr großes Potenzial“, sagt Bode. „In anderen Ländern hat vom ersten Tag der Schulschließung der Online-Unterricht funktioniert, bei uns nicht. Ich habe den Eindruck, dass bei uns nicht alle das Maximale wollen.“

FME AG beschäftigt mehr Mitarbeiter

Die FME AG ist nach Angaben ihres Vorstandsvorsitzenden wie alle andere Unternehmen auch von der Corona-Pandemie kalt erwischt worden. „Dabei hatten wir vor, dass sehr gute Jahr 2019 noch zu toppen.“ Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen seinen Umsatz nach Angaben Bodes von 25,3 Millionen Euro im Jahr 2018 auf 28,6 Millionen Euro gesteigert. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs von 254 auf 280.

Mit Umsatzrückgang muss gerechnet werden

Eine mit Zahlen unterlegte Prognose für das laufende Geschäftsjahr sei derzeit nicht möglich, absehbar sei aber, dass mit einem Rückgang des Umsatzes gerechnet werden müsse, sagt Bode. Das Unternehmen habe mit Kurzarbeit, Gehaltsverzicht des Vorstands und Managements sowie dem Verzicht auf die Dividendenausschüttung auf die Corona-Krise reagiert. Zudem seien interne Prozesse gestrafft, der Vertrieb gestärkt worden. Hilfreich sei auch der hohen Eigenkapitalanteil von 69 Prozent, was unter anderem die Position gegenüber Banken stärkt.

Homeoffice bleibt nach Corona

Dabei sei es meist um digitale Verbesserungen gegangen wie zum Beispiel den bereits erwähnten Endkundenprozess. Und auch bei der FME AG gewann das Thema Homeoffice stark an Bedeutung. Bode:„Mobiles Arbeiten hat bei uns schon immer Tradition. Der Anteil ist nun aber von 30 Prozent auf weit mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter gestiegen.“ Er ist überzeugt, dass die Quote der Mitarbeiter, die von zu Hause aus arbeiten, auch nach der Corona-Krise hoch bleiben wird. „Das bringt mehr Autonomie und Freiheit und hat den Vorteil, dass wir für unser geplantes Wachstum keine zusätzlichen Flächen mehr anbieten müssen.“ Ein weiterer Corona-Effekt, der nach Einschätzung Bodes Bestand haben wird: Die Zahl der Dienstreisen ist deutlich rückläufig.

Geschäft mit Pharmazie-Branche stabil

40 Prozent ihres Umsatzes erziele die FME AG mit Kunden aus der Pharmazie-Branche, erläutert Bode. Dieses Geschäft sei in der Corona-Krise stabil geblieben. Im vergangenen Jahr habe sich das Unternehmen darauf spezialisiert, diesen Geschäftszweig zu bündeln. Er werde nun von den USA aus geführt, wo das Braunschweiger Unternehmen einen weiteren Standort hat. Dieser Umbau soll es erleichtern, große internationale Aufträge zu gewinnen.

Umsatzverluste im Geschäft mit VW

Ganz anders habe sich in diesem Jahr das Geschäft mit dem zweiten großen Kunden Volkswagen entwickelt, sagt Bode. In diesem Bereich habe es große Umsatzverluste gegeben. VW selbst hatte in Zusammenhang mit der Corona-Krise mitgeteilt, der Liquiditätssicherung Vorrang zu geben. „Das hat uns stark getroffen“, sagt Bode. Aktuell werde es aber „mit jeder Woche ein Stückchen besser“.

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