IDT Biologika: Ostdeutscher Vorreiter beim Corona-Impfstoff

Berlin.  Aus einem DDR-Kombinat wurde ein Top-Unternehmen der Pharmabranche: IDT Biologika aus Sachsen-Anhalt forscht an einem Corona-Impfstoff.

Bund unterstützt Corona-Impfstoffentwicklung mit Millionenprogramm

Die Bundesregierung sichert deutschen Pharmafirmen eine millionenschwere Unterstützung bei der Corona-Impfstoffentwicklung zu. Das Sonderprogramm umfasst bis zu 750 Millionen Euro. Gefördert werden sollen BioNTech, CureVac und IDT Biologika.

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Dieser Hightech-Standort der DDR besteht bis heute fort: In Dessau-Roßlau hat vor der Wende ein volkseigener Betrieb Impfstoffe hergestellt, heute entwickelt die private Nachfolgefirma eine Schutzimpfung gegen das Corona­virus. IDT Biologika hat vor einer Woche zusammen mit Hochschulpartnern erste Tests des Wirkstoffs an Menschen begonnen.

Das ostdeutsche Unternehmen tritt damit als dritter deutscher Spieler neben zwei Firmen aus dem Westen im weltweiten Rennen um die Corona-Impfung an.

Zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung beweist IDT Biologika damit, dass sich technische Kompetenz aus Ostzeiten eben doch in den Kapitalismus hinüberretten ließ. „Die DDR war stark naturwissenschaftlich geprägt“, sagt IDT-Entwicklungschef Andreas Neubert (65). Er war schon vor 1990 in leitender Stellung dabei.

Corona-Impfstoff: IDT Biologika gilt als Top-Unternehmen der Pharmabranche

Heute ist er Vizechef des Unternehmens und organisiert das Corona-Programm. „Die Hochschulen haben damals gute Leute in Chemie, Biologie und Mikrobiologie ausgebildet.“ Dieses Humankapital war der Grundstock für das Weiterbestehen des Impfstoffherstellers nach der Wiedervereinigung. Heute gilt IDT Biologika als Top-Unternehmen der Pharmabranche.

Im Kombinat Veterinärimpfstoffe Dessau waren seit 1985 Fähigkeiten der DDR für die Herstellung von Tierimpfungen gebündelt. Die damals geläufige Abkürzung lautete Kovid, was heute angesichts der Covid-Pandemie Anlass zu Kalauern gibt. Ein Teilbetrieb dieses Kombinats war das Impfstoffwerk Dessau-Tornau. Von diesem Namen leitet sich die Abkürzung IDT her.

Tollwut-Impfstoff machte den Betrieb im Westen bekannt

Neubert, Tierarzt und Virologe, war in der Endphase der DDR mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Tollwut bei Füchsen beschäftigt. Das Projekt war politisch vorgegeben: Westeuropa hatte den Kampf gegen die Tollwut aufgenommen, doch erkrankte Tiere zogen weiterhin aus Osteuropa durch die DDR in die Bundesrepublik.

Ostdeutschland stand unter Zugzwang, seine Fähigkeiten zur Bekämpfung der Krankheit zu beweisen. Zusammen mit dem Institut für Tierseuchenbekämpfung im brandenburgischen Wusterhausen brachte Neuberts Abteilung den Impfstoff zur Anwendungsreife. 1990 war das Projekt abgeschlossen.

Neuberts Gruppe lieferte sich ein Rennen mit einer Privatfirma aus dem Westen. Das Pharmaunternehmen Klocke aus Weingarten in Baden entwickelte parallel einen Tollwutimpfstoff. Inhaber Hartmut Klocke wurde so auf den Medizinstandort Dessau aufmerksam. „Für uns war gut, dass wir da gerade bewiesen hatten, dass wir funktionierende Produkte entwickeln können“, sagt Neubert heute.

Denn nach der Wiedervereinigung galt die Ostwirtschaft als Sanierungsfall. Die Treuhandanstalt, die mit der Abwicklung der Staatswirtschaft betraut war, sah auch im Impfstoffwerk Dessau-Tornau wenig Potenzial. Doch Klocke witterte eine Chance – und kaufte den ehemaligen volkseigenen Betrieb.

Seit der Wende 400 Millionen Euro investiert

Vorher kam jedoch der Kahlschlag. Die Treuhand hielt das Kombinat als Ganzes nicht für lebensfähig und spaltete es auf. In Tornau blieben von 1400 Beschäftigten nur 160 übrig – alle spezialisiert auf Tiergesundheit. Diese Teilfirma stellte die Treuhand zum Verkauf, Klocke griff zu. Er verpflichtete sich, 20 Millionen Mark zu investieren und das Werk fortzuführen. Das gelang dem Pharmaunternehmer mühelos. Sein Hauptgeschäft, die Lohnfertigung von Medikamenten im Auftrag anderer Marken, lief gut.

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Damit verlagerte sich der Schwerpunkt weg von der Tiermedizin hin zur Herstellung von Arzneien für Menschen. Das Unternehmen konnte einen Teil der zuvor entlassenen Mitarbeiter wieder einstellen. Am Ende investierte Klocke über die Jahre rund 400 Millionen Euro in den profitablen Standort. Nach dem Schock des Zusammenbruchs der DDR-Wirtschaft wuchs die neu gegründete IDT Biologika schnell zu einem wettbewerbsfähigen Unternehmen heran.

Im vergangenen Jahr hat IDT nochmals seine Kapazitäten zur Impfstoffproduktion erweitert. Hartmut Klocke hat eine neue Produktionshalle zweimal größer auslegen lassen als kurzfristig benötigt – damit das Geschäft noch wachsen kann. Heute entsteht in diesen Räumen die Produktionslinie für den Corona-Impfstoff.

IDT setzt beim Impfstoff auf bekannte Technologie

Der Corona-Impfstoff von IDT beruht zwar auf einem gentechnischen Verfahren, aber letztlich auf einer etablierten Technologie. Der Impfstoff nutzt ein Virus dazu, Zellen gezielt zu infizieren, die dann Bruchstücke des Corona­virus produzieren. Der Körper erkennt diese als Fremdkörper und bereitet eine Immunantwort vor. Das Virus, das hier als Träger dient, ist seit den 1970er-Jahren als Impfstoff im Einsatz.

Neubert sieht im Gebrauch einer bewährten Vorgehensweise einen Vorteil gegenüber den beiden anderen deutschen Corona-Impfstoffen von Curevac und Biontech. Deren Technik ist gerade erst dem Experimentierstadium entwachsen.

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IDT Biologika arbeitet bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffs mit einem Verbund führender deutscher Institutionen zusammen. Die Koordination übernimmt das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung, wichtige Beiträge kommen von der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Philipps-Universität Marburg.

Der Test mit den ersten 1000 Dosen aus der Produktion in Dessau läuft an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung steht IDT im Mittelpunkt einer gesamtdeutschen Kraftanstrengung zur Krisenbewältigung.

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