Karstadt-Kaufhof-Chef: „Wir werden den Winter durchstehen“

Essen.  Galeria Karstadt Kaufhof musste viele Filialen schließen. Wie es nun weitergeht, erklärt der neue Chef Miguel Müllenbach im Interview.

Stellenabbau bei Galeria Karstadt Kaufhof

Der Essener Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof will offenbar 62 Häuser schließen. Tausende Stellen sollen gestrichen werden.

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Der Weg zum Gespräch mit Miguel Müllenbach führt über eine Rolltreppe, wie sie auch in einer der konzerneigenen Filialen stehen könnte. Der Eingangsbereich in der Essener Zentrale von Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) erinnert ein wenig an ein Warenhaus.

Miguel Müllenbach, der neue Konzernchef, hat die Führung in schwierigen Zeiten übernommen. Das Unternehmen hat gerade erst ein Insolvenzverfahren hinter sich gelassen. Jetzt steht das wichtige Weihnachtsgeschäft vor der Tür. Welche Strategie Müllenbach dabei verfolgt, erklärt er im Interview.

Herr Müllenbach, Sie haben Anfang Oktober die Insolvenz hinter sich gelassen und den Neustart ausgerufen. Wie hart trifft Sie nun die zweite Corona-Welle mit neuerlichem Teil-Lockdown?

Miguel Müllenbach: Vor sechs Wochen hat noch kaum jemand damit gerechnet, dass die zweite Infektionswelle so schnell so heftig wird. Bei dieser Entwicklung habe ich Verständnis für Maßnahmen der Politik. Allerdings sehen wir auch bereits jetzt starke wirtschaftliche Auswirkungen: Seit Anfang November sinkt die Kundenfrequenz in den Innenstädten signifikant. Das trifft den gesamten stationären Einzelhandel. Wir spüren es in den großen Zentren und unseren Weltstadthäuser in Städten wie Hamburg, Berlin oder München. Kleinere Häuser in den Stadtteilen sind weniger betroffen. Insgesamt jedoch entwickelt sich unser Geschäft im Moment besser als der Gesamtmarkt.

Sie schließen 41 Häuser und wollen mit 130 Filialen weitermachen. Gilt das angesichts der Pandemie-Folgen noch oder müssen Sie womöglich weitere Häuser aufgeben?

Müllenbach: Nein, alle unsere Standorte sind nach der Sanierung wirtschaftlich zu betreiben und haben gute Perspektiven. Es gibt keine Filiale, die wir sozusagen ‘mit durchschleppen’.

Ist das Unternehmen gewappnet für eine lange, harte Pandemie?

Müllenbach: Ich gehe nicht davon aus, dass der Handel noch einmal schließen muss. Das wäre auch völlig unverhältnismäßig. Niemand kann Hygiene besser als wir. Die Warenhäuser sind keine Infektionstreiber. Unsere große Fläche, die in der Vergangenheit als Nachteil gesehen wurde, kommt uns aktuell zugute – wir können die Abstandsregeln und die vorgegebenen zehn Quadratmeter pro Kunde problemlos einhalten.

Zusammen mit dem Gastronomie- und Lebensmittelgeschäft gehören jetzt rund 28.000 Beschäftigte zu Galeria Karstadt Kaufhof. Müssen die Mitarbeiter mit Einschnitten rechnen?

Müllenbach: Mir ist bewusst, dass wir eine verdammt harte Zeit hinter uns haben. Natürlich müssen auch wir im Zweifelsfalle wie andere Händler auch zeitlich begrenzte Sparmaßnahmen in Betracht ziehen, um Pandemiefolgen abzufedern. Dazu gehört auch standortspezifische Kurzarbeit, die der Gesetzgeber ja ausdrücklich für solche Fälle vorsieht. Wir stocken dabei das Kurzarbeitergeld unternehmensseitig auf. Aber wir wollen und werden diesen Winter alle gemeinsam durchstehen. Wir brauchen die Erfahrung und den Einsatz jedes einzelnen Mitarbeiters.

In Berlin haben Sie Filialen, die Sie schließen wollten, erhalten, weil die Stadt im Gegenzug umstrittene Hochhaus-Projekte von Karstadt-Kaufhof-Eigner René Benko genehmigen will. Sind auch diese Häuser profitabel?

Müllenbach: Wir hatten der Stadt signalisiert, dass wir diese Filialen gerne erhalten würden, wenn dies wirtschaftlich möglich wäre. Unsere Vermieter haben das unter Vermittlung der Politik möglich gemacht. Unsere weiterbestehenden Häuser in Berlin haben heute alle gute Zukunftschancen.

Das heißt, Sie stehen nach der Insolvenz besser da als vor der Corona-Krise?

Müllenbach: Ohne die Fusion von Karstadt und Kaufhof hätte vermutlich keiner der beiden überlebt. Das schweißt unsere Mannschaft natürlich auch zusammen. Und ohne die finanzielle Unterstützung unseres Eigners Signa auch nicht. Fakt ist, nach dem Schutzschirmverfahren und den damit verbundenen Gläubigerbeiträgen sind wir heute schuldenfrei und stehen besser da als viele andere Händler.

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Gefährdet die Pandemie nun das wichtige Weihnachtsgeschäft?

Müllenbach: Wir werden, wie der gesamte stationäre Handel, sicher weniger Umsatz machen als im Vorjahr, weil die Innenstädte einfach sehr viel leerer sind und sich das Kaufverhalten der Kunden geändert hat. Wir entgegnen dem nicht nur mit Sparmaßnahmen, sondern vor allem mit einem Bündel von Aktionen. Unser Ziel ist es dabei, unseren Kunden eine weihnachtliche Stimmung in unseren Häusern zu bescheren, die es in diesem Jahr sonst nicht geben würde. Wir wollen das Weihnachtsfest auch ein Stück weit retten.

Amazon und DHL erwarten Rekordumsätze. Kommt das vom Online-Boom geprägte Adventsgeschäft zu früh für Ihren Online-Auftritt?

Müllenbach: Wir haben unsere Onlineumsätze in der Pandemie schon signifikant gesteigert, aber zugegeben von einem zu niedrigen Niveau aus. Wir gehen aktuell in Richtung zehn Prozent des Gesamtumsatzes und liegen damit noch unter dem Marktdurchschnitt. Da müssen wir noch viel mehr tun. Das ist deshalb für mich Chefsache.

Nachdem die Gläubiger ihrem Insolvenzplan zugestimmt und auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichtet haben, gaben Sie sich sehr kämpferisch und erklärten, Karstadt stehe nun besser da als die Konkurrenz. War das vielleicht etwas voreilig angesichts der sich wieder verschärfenden Corona-Lage?

Müllenbach: Überhaupt nicht. Wir sind jetzt schuldenfrei, haben eine solide Eigenkapitalbasis und damit gute Voraussetzungen für einen Neustart. Die Pandemie bremst uns natürlich wie alle anderen auch, aber deshalb rücken wir nicht von unserem Weg ab. Er wird aber länger dauern.

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Sie wollten angreifen und „die Tabelle auf den Kopf stellen“, schrieben Sie an die Mitarbeiter. Dürfen wir das so verstehen, dass Sie Pleiten von Konkurrenten in dieser Krise erwarten und so Marktanteile gewinnen wollen?

Müllenbach: Im Weihnachtsgeschäft werden wir vermutlich noch keine Geschäftsaufgaben sehen, wenn es nicht erneut zu den fatalen Zwangs-Schließungen kommt. Aber ich bin davon überzeugt und befürchte wirklich, dass es im Frühjahr eine harte Marktbereinigung geben wird. Dem muss auch die Politik entgegensteuern, denn wir als Gesellschaft brauchen vitale Innenstädte mit einem vielfältigen Einzelhandel.

Beim Gipfel im Bundeswirtschaftsministerium kam aber wenig Greifbares heraus. Was müssen die Städte tun?

Müllenbach: Wir müssen unsere Innenstädte attraktiver machen, dazu gehören viele Faktoren: Der Öffentliche Nahverkehr muss besser werden, aber wir dürfen auch die Autos nicht aussperren. Der Erlebnischarakter spielt eine wichtige Rolle und dazu gehört auch Aussengastronomie mit entsprechenden Genehmigungen. Und schließlich spielen nach wie vor Sauberkeit und das Sicherheitsgefühl eine wichtige Rolle. Der Handelsverband gibt diese wichtigen Impulse im gesamtgesellschaftlichen Interesse ja immer wieder. Aber es muss auch endlich angepackt und umgesetzt werden.

Wie stellen Sie sich das Warenhaus nach der Pandemie vor, wenn die großen Flächen wieder zum Problem werden? Ihr Vorgänger Stephan Fanderl wollte möglichst viel Fläche vermieten, etwa an Drogeriemärkte oder Discounter. Was ist Ihre Strategie?

Müllenbach: Das Warenhaus muss sich neu erfinden, es gibt nicht ein Format für 130 Warenhäuser. Wir werden für jeden einzelnen Standort ein eigenes Konzept entwickeln, das sich viel stärker an den lokalen Märkten und Kundenwünschen orientiert. Dazu werden wir systematisch unsere Experten vor Ort befragen, unsere Mitarbeiter. Wir werden auch im größten Warenhaus nie an die Produktvielfalt herankommen, die Amazon online bietet. Aber bei uns kann man die Sachen fühlen und riechen. Unsere Warenhäuser müssen unsere Kunden inspirieren, sie emotional fassen.

Stellt Ihnen Ihre Eigentümergesellschaft Signa genug Geld für Investitionen in die Zukunft zur Verfügung?

Müllenbach: Ja, und wir werden dieses Geld sehr zielgerichtet einsetzen. Einen ersten Umbau planen wir für unseren Kaufhof-Standort in Frankfurt. Generell macht die Corona-Krise die Lage nicht einfacher. Im Weihnachtsgeschäft wird im Handel üblicherweise ein Finanzpolster aufgebaut, so auch bei uns. Doch dieses Polster fällt in diesem Jahr natürlich kleiner aus. Unser Ziel ist, Erträge zu erzielen, die uns in die Lage versetzen, Investitionen aus eigener Kraft zu tätigen.

Sie setzen derzeit auf die Dachmarke Galeria, die Namen Karstadt und Kaufhof sind dabei kleiner geworden. Könnten Sie irgendwann ganz verschwinden?

Müllenbach: Karstadt und Kaufhof sind sehr bekannte, starke Marken. Gleichzeitig ist es uns wichtig, dass wir uns stärker als Einheit präsentieren. Der Frage, wie uns das gelingen kann, werden wir uns sehr behutsam nähern. Wir brechen hier nichts übers Knie.

Sie haben gesagt, Ihr Unternehmen benötige einen Kulturwandel. Was meinen Sie damit?

Müllenbach: Mir ist es ganz wichtig, dass die vielen guten Ideen, die aus der Belegschaft kommen, auch Gehör finden. Auch wenn etwas falsch läuft, gehört es auf den Tisch, etwa zu lange Wartezeiten an den Kassen. Wir haben viele Leute, die für unser Unternehmen brennen. Das ist eine riesige Chance für uns.

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Das Insolvenzverfahren war aber auch mit schmerzhaften Einschnitten verbunden. Kann Sie das kalt lassen?

Müllenbach: Wem so etwas nicht wehtun würde, der sollte seinen Beruf wechseln.

Wofür stehen Sie als Chef?

Müllenbach: Kompetenz geht vor Hierarchie – nach diesem Motto möchte ich führen. Wenn wir alle Rädchen statt einige Wenige in Schwung versetzen, sind wir schneller. Und auch für mich gilt: Ich möchte jeden Tag ein bisschen besser werden.

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