Tiefe Corona-Spuren im Autojahr 2020

Hybrid und Elektro rücken vor, Verbrenner haben es immer schwerer – dies scheint der zentrale Trend im krisengeprägten Autogeschäft 2020 gewesen zu sein. Dass die Alternativen anziehen, liegt aber auch an Subventionen. Die Branche muss zittern, ob 2021 eine Erholung bringt.

Mehr E-Autos, weniger Verbrenner: In der Summe ringt die deutsche Autobranche weiterhin mit einer drastischen Absatzkrise.

Mehr E-Autos, weniger Verbrenner: In der Summe ringt die deutsche Autobranche weiterhin mit einer drastischen Absatzkrise.

Foto: dpa

Wolfsburg/Stuttgart/München (dpa) – Die E-Mobilität macht einen großen Sprung, doch das Gesamtgeschäft lahmt gefährlich: Deutschlands Autobauer haben ein äußerst zwiespältiges Corona-Jahr 2020 hinter sich.

In der Summe ringt die Branche weiterhin mit einer drastischen Absatzkrise. Die Zuwächse bei Elektroantrieben sind noch mit Vorsicht zu genießen, weil Kaufprämien für viele Kunden eine wesentliche Rolle spielen. Hybridwagen mit Verbrenner-Zuschaltung sehen Klimaschützer zudem als Mogelpackung. Der Aufbruch zu mittelfristig deutlich weniger CO2-Ausstoß könnte jedoch allmählich gelingen - falls Virus und Konjunktur im neuen Jahr die Nachfrage nicht abreißen lassen.

Nicht nur beim Marktführer Volkswagen hinterließ die Pandemie Spuren. Insgesamt gingen die Auslieferungen der Kernmarke im weltgrößten Autokonzern verglichen mit 2019 um 15,1 Prozent zurück, wie das Unternehmen am Dienstag berichtete. Besonders die Heimatregion Westeuropa schnitt schlechter ab, hier betrug das Minus 23,4 Prozent. Das Duisburger CAR-Institut diagnostizierte diesen Schwächetrend vor der eigenen Haustür für die gesamte Branche: Sogar in der Finanzkrise 2008/2009 und während der anschließenden Euro-Schuldenkrise seien mehr Autos in den westeuropäischen Staaten verkauft worden.

Auch in China, wo sich die Corona-Situation zwischenzeitlich wieder stabilisiert hatte, lief es unterm Strich nicht gut. VW meldete für 2020 ein Absatzminus von gut 10 Prozent. Wie bei anderen Herstellern aber hellte die Entwicklung bei E- und Hybridautos das Bild auf.

So meldete der Konzern aus Wolfsburg für die rein batteriebetriebenen Modelle seiner Hauptmarke eine Verkaufssteigerung auf fast das dreifache Niveau des Vorjahres - zuletzt waren es fast 134.000 Stück. Bei E-Autos insgesamt - also auch solchen mit Plug-in-Hybridantrieben - betrug das Plus 158 Prozent auf insgesamt über 212.000 Wagen. Kernmarkenchef Ralf Brandstätter sieht einen entscheidenden Schritt geschafft: "Das Jahr 2020 war für Volkswagen ein Wendepunkt und der Durchbruch für das Thema Elektromobilität." Mittlerweile orderten auch Geschäftskunden mehr Autos mit alternativen Antrieben.

Nach dem kompakten ID.3 und dem Klein-SUV ID.4 kommen in den nächsten Jahren viele weitere reine VW-Stromer heraus. Allerdings machen vor allem bei Kleinwagen Importeure wie Renault dem deutschen Platzhirsch Konkurrenz: Der französische Rivale meldete für das Modell Zoe eine Verdreifachung der Zulassungen. Und die Südkoreaner (Kia, Hyundai) oder der PSA-Konzern (Opel, Citroën, Peugeot) preschen ebenfalls vor.

Bei den heimischen Wettbewerbern ist die Jahresbilanz 2020 ähnlich durchwachsen. Daimler kam trotz eines weiteren Absatzrekords in China nicht an die Zahlen des Vorjahrs heran. Die Modelle der Kernmarke Mercedes-Benz verkauften sich weltweit rund 2,16 Millionen mal - ein Minus von 7,5 Prozent. Besonders im ersten Halbjahr hatten die Pandemie-Folgen den Stuttgartern schwer zugesetzt, auch hier waren Autohäuser dicht und etliche Werke zeitweise heruntergefahren.

Sehr zufrieden zeigte sich Daimler-Chef Ola Källenius indes mit der Nachfrage nach E-Modellen: Rund 160.000 Stück wurden abgesetzt, davon gut 115.000 Hybride und etwa 27.000 elektrische Smarts. Das erste reine Mercedes-Elektroauto EQC verkaufte sich ungefähr 20.000 Mal.

Parallelen auch bei BMW: Der Konzern wurde - inklusive der Motorradsparte sowie der britischen Marken Mini und Rolls-Royce - 2,3 Millionen Fahrzeuge los, 8,4 Prozent weniger als 2019. In China gab es mit 777.000 Fahrzeugen und einem Plus von über sieben Prozent ein Rekordergebnis, in Europa brach der Absatz um 16 Prozent auf 912.600 Stück ein. Auf dem deutschen Heimatmarkt lief es mit einem Minus von 13 Prozent und 287.000 Autos und Motorrädern etwas weniger schlecht.

Die übrigen deutschen VW-Konzernmarken konnten sich dem Branchentrend ebenso nicht entziehen. Audi meldete weltweit knapp 1,7 Millionen verkaufte Autos, ein Rückgang um gut acht Prozent. Ohne China wäre es ungemein schlimmer gekommen: 727.300 abgesetzte Wagen bedeuteten dort einen Zuwachs von 5,4 Prozent. In Deutschland schnitt Audi mit einem Rückgang von 21 Prozent schlechter ab als in Europa insgesamt.

Porsche lieferte global rund 272.000 Exemplare aus, drei Prozent weniger als 2019. In Deutschland betrug das Minus 17 Prozent, in China gelang eine Steigerung. Das Luxusgeschäft war – wie in anderen Branchen – nicht so stark vom Corona-Nachfragerückgang betroffen. Die leichten VW-Nutzfahrzeuge meldeten ein Minus von über 24 Prozent.

Ein Hoffnungsschimmer in Deutschland könnte die wieder bessere Lage im Dezember sein. Das Kraftfahrt-Bundesamt registrierte im letzten Monat etwa 10 Prozent mehr Neuzulassungen gegenüber Dezember 2019. Doch auch hier mischt ein teils trügerischer Vorzieheffekt mit: "Viele Privatkunden haben zum Jahresende noch ein Auto gekauft, um von der Mehrwertsteuersenkung zu profitieren", erklärte Reinhard Zirpel vom Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller.

© dpa-infocom, dpa:210112-99-987980/4

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