Bestsellerautor liest im – leeren – Wolfenbütteler Theater

Wolfenbüttel.  Das Publikum von Schriftsteller Daniel Kehlmann sitzt an diesem Abend vor dem NDR-Livestream. Viel neue Technik auf alter Bühne macht es möglich.

Vor leeren Rängen und den Kameras: Daniel Kehlmann (links) und Christoph Bungartz.

Vor leeren Rängen und den Kameras: Daniel Kehlmann (links) und Christoph Bungartz.

Foto: Rainer Sliepen

Das sind Augenblicke, die schmerzen. Das Lessingtheater ist an diesem trüben Novemberabend erleuchtet, doch fehlt etwas. Das Wichtigste. Das Publikum.

Mit Daniel Kehlmann ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart zu Gast. Im Rahmen der NDR-Reihe „Der Norden liest – Herbsttour 2020“ stellt er seinen jüngsten Welterfolg, den Roman „Tyll“ und die „Corona Dialoge“ vor.

Im Mittelpunkt die Literatur

Kehlmann wird sich als brillanter Rezitator präsentieren. Unterhaltsam, charmant, informativ, witzig. Kein nerviges Merchandising. Im Mittelpunkt steht die Literatur.

Doch erst mal muss ich ins Theater. Ein leichtes Trommeln an die Scheibe des Wintergartens. Alexandra Hupp, die Leiterin des Theaters, öffnet mir. Neben ihr Barbara Heine, Chefin der Agentur „Ereigniskommunikation“. „Sind Sie hier mit dem Eckplatz zufrieden?“, fragt sie mich. Nein, bin ich nicht. Erst mal schauen, was sich hier tut.

Fragen über das Internet

Der NDR überträgt die Lesung als Livestream mit zwei Kameras. Christoph Bungartz vom Kulturjournal des NDR spricht mit dem Autor. Die Zuschauer können sich zuschalten und über das Netz Fragen stellen.

Noch 40 Minuten bis zum Start. Kehlmann steht geduldig am Pult. „Mehr Licht auf die Bühne “, tönt es von oben aus der Regiezentrale. „Am Anfang nehmen wir die Totale. Dann beide Herren auf die Plätze und ein kurzes Intro.“ Vorne auf der Bühne Wuselei. Im Hintergrund gähnt der riesige leere Saal. Hat irgendetwas vom Tyll, denke ich mir. Hätte man auch aus Kehlmanns Wohnzimmer produzieren können.

Der Verweis auf Lessing

„Freuen Sie sich auf die Lesung?“ frage ich den Autor. „Viel technischer Aufwand bei leerem Haus?“ Er sei sehr gespannt, antwortet der Autor spontan. Und angesichts der Umstände gefalle ihm das sehr. Ich bin überrascht. Doch später sein Bekenntnis. Das wahre Leben spiele sich nur auf der Bühne ab. Transparent, wahrhaftig, real. Und verweist auf Lessing, den er sehr bewundere.

Ein Fuchs, dieser Kehlmann, denke ich mir. Von einer solchen Reichweite hätte der große Wolfenbütteler Aufklärer noch nicht mal träumen können. Doch das Theater scheint auch im leeren Zustand zu inspirieren. „Wollen Sie ein privates Foto fürs Netz?“, fragt jemand. Kehlmann gibt ihm sein Handy und murmelt: „Wofür eigentlich? Bei facebook bin ich nicht“. Ein sympathischer Widerspruch.

Im schwarzen Gehrock

Die Stehposition wird ausgeleuchtet. Neben mir der NDR-Fotograf. Im schwarzen Gehrock und bunter Brokatweste. So muss man sich präsentieren, denke ich mir.

„Wir machen zu Beginn einen Schwenk durch den großen Saal “, ruft ein Techniker. Sieht auch leer toll aus.“ Frau Hupp freut’s. Das ist Werbung für Theater aus Wolfenbüttel.

Barocksessel aus der Villa

„Noch zwei Minuten. Eine. 20 Sekunden. Los geht’s!“ Kehlmann und Bungartz setzen sich auf die aus der Seeliger-Villa besorgten Barocksessel. Ein schöner Leseabend beginnt. Für mich allein und einige 100.000 Menschen im ganzen Land.

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