Chefärztin setzt auf Frühgeborenen-Forschung und Ernährung

Wolfsburg.  Die neue Chefärztin der Kinderklinik Wolfsburg, Professor Jacqueline Bauer, will ein Ernährungszentrum für Kinder und Eltern aufbauen.

Professor Jacqueline Bauer, die neue Chefärztin der Kinderklinik Wolfsburg, vor dem großen Klinikumsneubau.

Professor Jacqueline Bauer, die neue Chefärztin der Kinderklinik Wolfsburg, vor dem großen Klinikumsneubau.

Foto: Sebastian Priebe / regios24

Wer das Büro von Professor Jacqueline Bauer betritt, muss unweigerlich stutzen – und lächeln: Rechts, vorm Schreibtisch, steht die 59-jährige neue Chefärztin der Kinderklinik, links von ihr erhebt sich ein über-Mensch-großes Stofftier, eine Giraffe. Die Ärztin strahlt und stellt vor: „Das ist Charlotte.“ Jetzt strahlen wir beide, schwärmen kurz von Kuscheltieren, und schon ist da eine menschliche Wärme im Raum, die fürs erste Gespräch ungewöhnlich ist. Aber schön. Und gerade in der Kinderheilkunde so wichtig, um kleinen Patienten Angst zu nehmen und Vertrauen zu gewinnen.

„Jeder Mensch besteht aus Körper und Seele, aber Erwachsene können besser kommunizieren als Kinder, das ist das Herausfordernde in der Kinderheilkunde“, erklärt Jacqueline Bauer, für die es nie etwas anderes gab als den Beruf der Kinderärztin. „Das war eine Eingebung, schon lange vor meinem Studium, als ich das meinen Eltern mal in den Ferien am Strand verkündet habe.“ Jacqueline Bauer war 10 Jahre alt, als ihre Eltern, die nach Chile ausgewandert waren, nach Deutschland zurückkehrten -- ein erster großer Schritt auf ihrer „Welt-Entdeckungsreise“. Nach dem Studium in Mainz zog es die junge Ärztin schnell in Richtung Unikliniken, in die Forschung. Insbesondere die Frühgeborenen-Forschung, die Neonatologie, hatte es ihr angetan. Ihre ersten Stationen: Tübingen, Heidelberg und New York.

Wenn Sie zurückblicken, was ist Ihr bewegendstes Erlebnis? „Da gibt es viele bewegende Erlebnisse - vor allem in der Neonatologie. Wenn Sie Kinder in der Hand halten, die nicht mal 500 Gramm wiegen, sie berühren und ganz sanft mit ihnen umgehen, dann ist es ein wunderbares Gefühl zu spüren, wie diese Kinder all das merken. Sie halten ein Wunder in Ihren Händen.“

Gesundes Essen: „Ich schließe mit Kindern Verträge ab“

Nie habe sie als Ärztin verstehen können, dass Frühgeborene lange Zeit nicht aus dem Inkubator genommen werden durften, dabei sei es dort oft laut und viel zu hell für die Kinder, purer Stress also. „Ganz wichtig ist mir, dass Mutter und Kind sofort nach der Geburt nah beieinander sind.“ So wird es in der neuen Kinderklinik in Wolfsburg sein: der Kreißsaal Tür an Tür mit der Intensivstation für Früh-und Neugeborene. „Und Wolfsburg hat zusätzlich eine Frauenmilchbank – welch ein Luxus!“, schwärmt Bauer. „Mit den Frauenmilchspenden können Früh- und Neugeborene sofort nach der Geburt versorgt werden, deren Mütter keine oder nicht ausreichend Milch geben können. Das wünsche ich mir seit Jahren. Jeder Tropfen ist da Gold wert.“ Diese Früh- und Neugeborenen-Versorgung will die Chefärztin in Wolfsburg weiter ausbauen und stärken, das Perinatalzentrum Level 1 im Klinikum weiterentwickeln.

Doch damit nicht genug: Ein weiterer medizinischer Schwerpunkt der Neu-Wolfsburgerin, die vorher als Oberärztin in Heidelberg, Freiburg und Münster tätig war und seit 2012 die Neonatologie in Wiesbaden leitete, ist die Ernährung von Kindern. „Ein Aha-Erlebnis war für mich ein Projekt mit krebskranken Kindern“, erzählt die Medizinerin. „Diese Kinder nehmen oft sehr viel ab und essen kaum etwas, und wenn, oft nur Schokolade und Chips, weil ihnen nach der Schockdiagnose Krebs alles erlaubt wird.“

Sie habe damals einen Plan erarbeitet – mit fünf Mahlzeiten – und mit den Kindern einen Vertrag abgeschlossen: „Wir haben gemeinsam gesundes Essen zusammengestellt, es gab immer kleine Portionen und zum Abschluss Cranberry-Gummibärchen – das ist sehr aufwändig, aber die Kinder haben tatsächlich angefangen zu essen.“ Ähnliche Verträge hat die Professorin später auch mit übergewichtigen Kindern geschlossen. Sie erklärt: „Kinder sind kleine Persönlichkeiten. Vorwürfe schaden da oft nur, ein Kind kann nicht von allein wissen, was gesund ist und was nicht. Und gesunde Ernährung heißt auch nicht, Süßes ganz und gar zu verhindern.“ Vor diesem Hintergrund ist Bauers Traum für Wolfsburg ein Ernährungszentrum für Kinder und Eltern, denn die Therapie muss immer eine ganzheitliche sein: „Macht die Familie nicht mit, ist es verloren.“

„Corona wird Folgen für die Gesundheit der Kinder haben“

16 Prozent der Kinder seien heutzutage übergewichtig oder seien zwar dünn, hätten aber viel zu wenig Muskulatur im Vergleich zum Fettgewebe. „Und die Zahlen werden noch steigen“, glaubt die Medizinerin: „Ich war eine Zeit lang auch in New York als Ärztin tätig, da wird eine Welle zu uns hinüberschwappen. Wie soll es auch anders sein, wenn die Kinder sich heutzutage oft fast nur noch übers Handy treffen…“ Auch die „Corona“-Zeit wird ihrer Meinung nach Folgen auf die Gesundheit der Kinder haben: „Wir hatten drei Monate Stillstand – in vielen Familien leider auch, was die körperliche Betätigung angeht.“

Zuletzt ein paar persönliche Worte: Sie sind 59 Jahre – und jetzt noch mal etwas Neues? „Ich war lange Oberärztin, habe noch 10 Jahre zu arbeiten, ich wollte einfach nochmal eine Veränderung und eine neue Herausforderung. Da kam das Angebot aus Wolfsburg.“

Kannten Sie die Stadt? „Nein, so war das bei mir jedoch immer, auch als ich nach New York gegangen bin. Die Atmosphäre hier ist sehr positiv, in der Kinderklinik und auch in der Stadt. Ich bin Läuferin und habe gleich am Anfang abends mal meine Turnschuhe geschnürt und bin einfach von hier losgelaufen, keine Ahnung, wo ich rauskomme: Und dann war da plötzlich dieses Theater und diese wunderschöne Giraffe und der große Platz mit der Wiese, und die Luft war so wunderbar klar, da hatte ich dieses Gefühl – vielleicht kennen Sie das – als hätte dies alles auf mich gewartet.“

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