Frau darf erst nicht zum sterbenden Vater im Klinikum Wolfsburg

Wolfsburg.  Ihre Freundinnen schlagen in sozialen Medien Alarm, eine Beschwerde im Klinikum bringt die Wende. In seinen letzten Stunden ist die Tochter bei ihm.

Im Klinikum gab’s Probleme mit der Besuchsregelung.

Im Klinikum gab’s Probleme mit der Besuchsregelung.

Foto: Uhmeyer / rs24 (Archiv)

Die Geschichte las sich ungeheuerlich – und ist doch wahr! Im Klinikum der Stadt Wolfsburg ist eine Frau zunächst nicht zu ihrem todkranken Vater auf die Intensivstation gelassen worden. Erst nachdem ihre Freundinnen ab Sonntag in den sozialen Medien Alarm geschlagen hatten und sie selbst sich am Montag im Krankenhaus beschwert hatte, durfte sie ihrem Vater in seinen letzten Stunden beistehen. Ihre Erlebnisse schilderte sie unserer Zeitung.

Betroffene meldete sich nach dem Tod ihres Vaters

Der Redaktion war es bis Mittwochabend zunächst nicht möglich gewesen, Wahrheitsgehalt und Herkunft des dramatischen Aufrufs zu klären, der wie berichtet unter anderem am Montag auch an die WN weitergeleitet worden war. Erst die Berichterstattung brachte Aufklärung: Daraufhin meldete sich am Donnerstagvormittag die Betroffene – nur Stunden, nachdem sie in der Nacht zuvor ihren Vater verloren hatte.

Ihren Namen möchte die Frau aus dem Landkreis Gifhorn nicht in der Zeitung lesen, er ist der Redaktion aber bekannt. Sie klingt sehr mitgenommen, als sie ihre Geschichte schildert. Schon seit etwa zwei Wochen habe ihr Vater (81), ebenfalls aus dem nahen Kreis Gifhorn, im Wolfsburger Krankenhaus gelegen. „Als sich sein Zustand verschlechterte, wurde er am Sonntag auf die Intensivstation verlegt“, erzählt die Tochter. „Meine Mutter durfte nicht mit.“ Es habe geheißen, dass sich das Klinikum meldet.

Noch am Tag der Beschwerde gab es ein Gespräch im Klinikum

„Am frühen Abend hatte noch immer keiner angerufen. Also bin ich losgefahren. Dann standen wir vor dem Klinikum – man wollte uns aber nicht reinlassen, weil keine Besuchszeit mehr war“, berichtet die Frau fassungslos. „Für mich war das die absolute Katastrophe. Für die am Empfang war die Lage wohl aber nicht schlimm genug.“

„Ich bin dann nach Hause und habe das meinen Freundinnen erzählt. Daraufhin haben die den Aufruf in den Social Media gestartet“, erklärt die Betroffene. Sie selbst habe sich am Montag beim Beschwerdemanagement im Klinikum gemeldet. „Dann ging alles sehr schnell: Es gab noch am selben Tag ein Gespräch. Dabei wurde geklärt, dass wir jederzeit zu meinem Vater dürften. Als sich die Lage zuspitzte, wurden wir informiert und durften zu ihm. Die Schwestern auf der Intensivstation waren sehr nett.“ Mit matter Stimme sagt sie: „Letzte Nacht ist der Papa verstorben.“

Tochter macht Mitarbeitern am Empfang keinen Vorwurf

Die Frau ist überzeugt: „Hätten meine Mädels nicht so eine Welle geschoben, dann hätte ich nicht mehr zu meinem Vater gedurft.“ Dass der Alarm über die sozialen Medien viel Aufregung erzeugt hat und für Außenstehende unklar blieb, was an der Schilderung dran ist, ist ihr bewusst. „Traurig, dass es erst so laufen musste. Dabei wollten wir einfach nur zu ihm! Das war kein Einzelfall. Ich weiß, dass die im Krankenhaus Druck haben – aber was da passiert ist, ist nicht menschlich.“ Den Mitarbeitern am Empfang des Klinikums macht sie keinen Vorwurf: „Die haben sicher keine Schuld. Die bekommen ja gesagt, wie sie es handhaben müssen.“

Die Tochter möchte nun mit dem Erlebten abschließen und hat zudem Formalitäten zu regeln. Daher wolle sie sich nicht auch noch um eine Schweigepflicht-Entbindung kümmern, sagt sie. Was bedeutet, dass sich das Klinikum zu dem konkreten Fall aus Datenschutz-Gründen weiterhin nicht äußern darf. Allerdings hatte das Klinikum am Mittwoch auch nicht dementiert, dass es jüngst einen Vorfall gegeben haben könnte, zu dem die Vorwürfe – mehr oder weniger – passen. Und es hatte berichtet, dass es Anfang der Woche eine Beschwerde zum Thema „Besuchsregelung“ gab.

Vorsitzender des Klinikums-Ausschusses spricht von bedauerlichem Fehler

Indirekt bestätigte jedenfalls am Donnerstag der Vorsitzende des Klinikums-Ausschusses, Ingolf Viereck, den Vorgang grundsätzlich: „Ich glaube, dieser Fall hat nochmal für eine hohe Sensibilisierung gesorgt. Sowas darf nicht passieren. Ein bedauerlicher Fehler.“

Alle seien unter Druck, betonte Viereck, „die Menschen müssen im Bewusstsein behalten: Wir haben eine Pandemie. Die Zahlen schnellen noch.“ Grundsätzlich hält er die durch Corona beschränkten Besuchsregelungen im Klinikum für angemessen. „Aber es muss einen Ermessensspielraum geben. Das ist durch diesen tragischen Fall noch einmal deutlich geworden.“ Er will daher noch einmal mit Klinikumsdirektor Wilken Köster sprechen.

Aus der aktuellen Besucherregelung des Klinikums

Außerhalb der aktuell geltenden Besuchszeit täglich von 14 bis 17 Uhr können folgende Personen das Klinikum nach Absprache und Genehmigung betreten:
• medizinisch notwendige Begleitpersonen
• in der Kinderklinik: Auf den Stationen und in der Notfallambulanz darf jeweils ein Elternteil das Kind begleiten.
• Besucher*innen von Patienten in einem unmittelbar lebensbedrohlichen Zustand (nach Rücksprache mit dem Arzt)
• Besucher*innen von Patienten, die palliativmedizinisch versorgt werden
• in der Geburtshilfe: Eine Bezugsperson darf die werdende Mutter ab Beginn des Gebutsvorgangs im Kreißsaal begleiten und unterstützen
• in der Geburtshilfe: Auf der Mutter-Kind-Station sind Besuche des Vaters oder Bezugspersonen möglich in kleinem Rahmen möglich.
• ambulante Patient*innen und Personen, die im Klinikum oder in angegliederten Praxen, Medizinischen Versorgungszentren oder weiteren Zentren behandelt werden müssen beziehungsweise einen Termin haben. Begleitpersonen erhalten nur in medizinischen Ausnahme­fällen und nach erfolgter Rücksprache Zutritt.

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