Wolfsburgs Ermittler sind in Sorge wegen falscher Polizisten

Wolfsburg.  Jahresbilanz-Interview mit Wolfsburgs Polizeichefin Heike Heil (Teil 2): über den Corona-Knick bei den Straftaten.

Polizeichefin Heike Heil im Interview.

Polizeichefin Heike Heil im Interview.

Foto: Lars Landmann / Regios24

Die Leiterin der Polizeiinspektion Wolfsburg-Helmstedt, Heike Heil, blickt in unserer Zeitung zurück aufs Einsatzgeschehen 2020. Ein besorgniserregender Trend sind die vielen Betrugstaten, die insbesondere zu Lasten älterer Menschen gehen: Kriminelle Banden gaukeln ihnen vor, Freund und Helfer zu sein und haben es dabei nur auf Geld, Gold und Schmuck abgesehen. Das Interview wurde Anfang Dezember geführt.

Wenn in einigen Wochen die Kriminalitätsstatistik 2020 für Wolfsburg vorgestellt wird, wird dann über die gesamte Bandbreite des Strafgesetzbuches ein tiefer Corona-Knick abzulesen sein?

2020 war zweifelsohne ein außergewöhnliches Jahr. Mitte März, als es zum ersten richtigen Lockdown kam, haben wir tatsächlich einen Straftaten-Knick gespürt. Ladendiebstähle sind zurückgegangen, die Geschäfte waren ja auch geschlossen. Es gab deutlich weniger Einbrüche, wahrscheinlich weil die Bürger daheim waren. Im Gegenzug wurden aber auch keine vermehrten Einbruchszahlen zum Beispiel in Büros oder Firmen festgestellt. Es kam außerdem kaum zu Diebstählen von Fahrzeugen. Die Erklärung lautet wohl, dass die Grenzen dicht waren und Autos nicht verschoben werden konnten. Aber das alles war eben nur eine Phase in diesen fünf, sechs Wochen des Lockdowns. Als das gesellschaftliche Leben wieder losging, sind die Straftaten ebenfalls wieder angestiegen. Im Sommer, als die Einschränkungen sehr weit zurückgefahren waren, hatten wir ein ähnliches Kriminalitätsgeschehen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Aufgrund der vielen Einschränkungen für die Gesellschaft hoffe ich, dass es bei diesem einen außergewöhnlichen Jahr bleibt und nicht noch ein weiteres folgt. Es wird spannend sein, wie sich die Corona-Situation in 2021 entwickelt. Ich persönlich glaube nicht, dass es dann in Wolfsburg schon wieder Großveranstaltungen geben wird. Bis man die wieder zulässt, wird es mindestens noch ein weiteres Jahr dauern. Damit stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft mit fortdauernden Einschränkungen umgeht? Und was bedeutet das wiederum für unsere Arbeit? Bislang war die Lage in Wolfsburg zum Glück relativ ruhig!

Es gab zu Beginn des Lockdowns die Befürchtung, dass es unter den schwierigen Bedingungen in Familien häufiger zu Streitereien, vielleicht sogar zu Gewalt kommt.

Das hat sich so nicht bestätigt. Die Fälle häuslicher Gewalt sind in Wolfsburg in der Corona-Zeit nicht mehr geworden – aber eben auch nicht weniger. Sie stagnieren auf recht hohem Niveau, und das leider schon seit einigen Jahren.

Nutzen Cyberkriminelle den Umstand aus, dass viele Menschen seit Monaten von daheim aus arbeiten?

Schon, aber das liegt nicht an Corona. Wir stellen seit etwa drei Jahren eine Kriminalitätsverschiebung fest. Die Fallzahlen im gesamten Eigentumsbereich sind rückläufig, dafür steigen die Fallzahlen im Betrugsbereich mit dem Tatmittel Internet gravierend an. Vor allem Straftaten zum Nachteil älterer Menschen nehmen sehr zu. Fast täglich gehen bei uns Meldungen zu Enkeltricks oder falschen Polizisten ein.

Mit Hilfe eines pfiffigen Rentners aus Fallersleben konnte im September 2019 ein 19-jähriger Bote bei einer Geldübergabe geschnappt werden. Dieser Fall ging glimpflich aus. Der Täter war allerdings mindestens an einem weiteren schweren Betrug beteiligt: Eine Rentnerin in Süddeutschland verlor 350.000 Euro an Bargeld, Barren und Münzen. Hilft gegen diese üble Betrugsmasche am Ende nur Aufklärung, Aufklärung und noch einmal Aufklärung?

Ja, das ist wohl ganz entscheidend, um mögliche Opfer zu schützen. Das Dramatische ist, dass sich die Täter Rentner aussuchen, die zum Teil dement und somit hilflos sind. Da können wir genauso wie Verwandte zwar immer wieder warnen, „macht die Tür nicht auf, und gebt keine Informationen am Telefon preis“. Doch es kommt ganz oft vor, dass diese älteren Opfer solche Ratschläge einfach vergessen, wenn sich Täter bei ihnen melden. Prävention ist aus unserer Sicht deshalb ganz wichtig. Leider können wir wegen Corona aktuell keine Informationsveranstaltungen durchführen. Unsere Beratungsstelle ist weiterhin telefonisch erreichbar, auch wenn es um Fragen zum Einbruchsschutz geht. Aber über Veranstaltungen erreichen wir viel mehr Bürger. Wenn die Corona-Einschränkungen zurückgefahren werden, nehmen wir die Beratungen wieder auf.

Funktioniert die Zusammenarbeit mit den Bankinstituten, so dass SchalterMitarbeiter aufmerken werden, wenn langjährige Kundinnen plötzlich ihre Konten ab- oder Kunden ihre Bankschließfächer komplett ausräumen?

Das hat sich mittlerweile deutlich gebessert. Vor ein paar Jahren passierte es leider noch viel zu oft, dass ein Rentner zu seiner Hausbank ging, mehrere Tausende Euro abhob und niemand nachfragte. Heutzutage sind die Banken da wirklich sensibilisiert.

Aber einen Auszahlungsauftrag aufhalten können die Bankberater doch wohl nicht?

Nein, das nicht. Sollte es eine ungewöhnliche Abhebung geben, sollte die jeder Bank-Mitarbeiter hinterfragen, den Kunden möglichst direkt ansprechen und wenn etwas auffällig scheint, sich bei uns melden. Es gab durchaus Fälle, in denen Bankmitarbeiter aufmerksam waren und im letzten Moment Auszahlungen und damit wohl letzten Endes Straftaten verhindert werden konnten – selbst wenn es manchmal gar nicht so einfach war, die Kunden zu überzeugen. Im Sommer haben wir in allen Wolfsburger Bankfilialen an den Geldautomaten eine Plakataktion gemacht und vor den Betrugstaten gewarnt. Wir hoffen, dass wir die älteren Kunden damit erreichen.

Was wissen Sie über die Täter?

Die Hintermänner arbeiten in Callcentern. Die sind hoch professionell ausgebildet und treten in den Gesprächen sehr überzeugend auf. Die wissen, wie sie am Telefon Informationen herausbekommen. Mir hat ein Ermittler aus dem zuständigen Fachkommissariat III berichtet, dass die Täter teilweise so eine geschickte Gesprächsführung draufhaben, dass man selbst wenn man jünger ist darauf reinfallen würde. Wenn eine Masche in der Öffentlichkeit bekannt wird, und die Medien vielfach darüber berichten, wird der Modus Operandi schnell gewechselt und eine neue Geschichte erfunden.

Wie schwierig sind die Ermittlungen in diesem Deliktbereich?

Sehr schwierig, denn die Täter teilen ihre Arbeiten auf. Der eine ruft vom Callcenter aus das Opfer an, der Bote holt das Geld beim Opfer ab und wird dafür von einem dritten zur Übergabe gefahren. Die Täter haben sich arbeitsteilig organisiert, ähnlich wie Auto-Diebesbanden, an die man auch schwer rankommt. Da ist es immer schon ein Erfolg für uns, wenn wir wenigstens den verhaften können, der die Beute abholt. Nur ob man über diesen Täter an seine Mittäter und insbesondere an die Hintermänner rankommt, ist eine ganz andere Frage. Es ist schon ein schwieriges Deliktfeld. Was ich einfach dramatisch finde, ist, wie die Hilflosigkeit älterer Menschen ausgenutzt wird.

Wenn Sie einen Täter schnappen, wie reagieren die darauf, wenn ihnen ihre Taten vorgeworfen werden. Gibt es da eine Spur von Empathie mit ihren Opfern?

Ich würde es bezweifeln. Allerdings haben wir noch keine Hinterleute in den Callcentern verhaftet. Die, die wir erwischen konnten, waren die Boten, und die hatten die Kontakte zu den Opfern nicht angebahnt. Dass es immer mehr solche Straftaten gibt, hängt sicherlich damit zusammen, dass die Schadenshöhen in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt sind. Sie erwähnten selbst einen Fall, bei dem es um eine Schadenshöhe von 350.000 Euro ging. Es gibt immer noch viel zu viele Rentner, die Geld, Gold oder Schmuck daheim aufbewahren und nicht bei ihrer Bank. Vielleicht, weil sie kein Vertrauen haben, wer weiß das. Jedenfalls wird es so den Tätern noch einfacher gemacht, das Entdeckungsrisiko ist gering und die Beute ist lukrativ.

Hier lesen Sie den ersten Teil des Interviews.

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