Einzelhandel in Wolfsburg

Wolfsburgs Supermärkte haben Angst um die Zukunft

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Heinrich Georg Schmidt leitet den Nahkauf in Wolfsburg. Er macht sich Sorgen um gestiegene Energiekosten und die Anhebung des Mindestlohns.

Heinrich Georg Schmidt leitet den Nahkauf in Wolfsburg. Er macht sich Sorgen um gestiegene Energiekosten und die Anhebung des Mindestlohns.

Foto: Helge Landmann / regios24

Wolfsburg.  Gleich mehrere Rückschläge beuteln den Handel – nicht nur die Energiekosten. Wie die Kaufleute in der VW-Stadt zu kürzeren Öffnungszeiten stehen.

Heinrich Georg Schmidt leitet den Lebensmittelmarkt Nahkauf am Eichelkamp in Wolfsburg. „Man hat schon Angst um die Zukunft“, sagt er. Schmidt ist überzeugt: „Der Handel wird etwas an den Öffnungszeiten machen. Das wird in nächster Zeit kommen.“ Gestiegene Kosten, weniger Einkünfte: Die Entwicklungen am Energiemarkt und in der Wirtschaft drohen, den Handel in eine Krise zu stürzen.

Der Wolfsburger Kaufmann rechnet damit, dass die Geschäfte, und damit auch die Supermärkte, in diesem Winter in große Bedrängnis kommen werden. Ihn eingeschlossen. „Wir zahlen das Dreifache an Stromkosten“, erzählt er. 130.000 Kilowattstunden Strom verbrauche der Nahkauf jedes Jahr. Das sei ein vergleichsweise niedriger Wert für einen Lebensmittelmarkt; größere Märkte sähen daher noch größeren finanziellen Einbrüchen entgegen, vermutet Schmidt.

Energiekosten sind in Lebensmittelmärkten stark gestiegen

Von den Kühltruhen über die Backöfen bis hin zu den Kassen: Überall werde Energie gebraucht. Eine Einschränkung der Öffnungszeiten könne aus Schmidts Sicht Entlastung bieten. Er erwarte auf der anderen Seite keine zu großen Rückgänge in den Einkünften, denn: „Die Kunden weichen auf andere Einkaufszeiten aus.“

Zusätzlich zu den gestiegenen Energiekosten belaste auch die Steigerung des Mindestlohns zum 1. Oktober das Geschäft, sagt Schmidt. Er steigt dann von 10,45 auf 12 Euro in der Stunde. Außerdem kauften die Menschen wegen der gesunkenen Kaufkraft weniger ein. „Sie kaufen eher zwei Mal als vier Mal pro Woche ein und packen dabei lieber zwei statt drei Joghurtbecher in den Einkaufswagen“, sagt Schmidt. „Aktuell schauen wir auf jeden Cent und sparen, wo es geht.“

Biomarkt „Mutter Grün“: Kundinnen und Kunden kaufen weniger und seltener ein

„Ja, die Kunden kaufen weniger“, sagt auch Anja Schubert. Zusammen mit ihrem Mann Ralf Schubert führt sie das Familienunternehmen „Mutter Grün“. Drei Biomärkte gibt es in Wolfsburg Vorsfelde, Fallersleben und Gifhorn. „Die Menschen kaufen weniger und seltener ein“, berichtet Schubert, „vor allem die Spontaneinkäufe sind weniger geworden.“

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Die Krise komme aber auch auf anderem Wege im Markt an. „Ein wesentlicher Anteil der Glasflaschen im europäischen Markt wird in der Ukraine produziert. Da dort wegen des Krieges Werke schließen mussten, sorgt das über eine Kettenreaktion für höhere Preise im Getränkesegment“, sagt Schubert. Eine ähnliche Verkettung von Umständen mache Gemüse teurer – konventioneller Dünger sei knapp geworden, dadurch stiegen viele Produzenten auf Bio-Dünger um, der dadurch wiederum teurer geworden sei.

Häufung von Krisen trifft Einzel- und Lebensmittelhandel

Über die Situation im Handel sagt Schubert klar: „So schlimm hatten wir es noch nie.“ Es komme zu einer Häufung von Krisen: Die Trockenheit habe für schlechtere Erträge gesorgt, die Inflation für abnehmendes Kaufverhalten, Energiekrise und Mindestlohn kosteten viel Geld. „Wir haben Gott sei Dank all unsere Märkte auf den neuesten Stand der Technik gebracht“, seufzt Schubert.

Erst im letzten Jahr sei im Fallersleber Bio-Markt „Mutter Grün“ eine neue Anlage eingebaut worden, durch die die Abwärme aus der Kühltheke in der Stromversorgung genutzt werden könne. Und trotzdem: „Wir haben zwar einen vergleichsweise niedrigen Energieverbrauch, aber natürlich machen auch wir uns Sorgen.“

Schließung des Biobrotladens in Braunschweig stellt Biomärkte vor Herausforderungen

Anja Schuberts Bio-Märkte „Mutter Grün“ sind durch die Schließung des Bio-Brotladens in Braunschweig direkt betroffen. Kuchen, Weihnachtsgebäck, Brot und Brötchen: Alles muss nun von anderen Lieferanten kommen.

Es sei unklar, ob die nur zwei verbliebenen Bio-Bäckereien in der Region Wolfsburg-Braunschweig den Wegfall des Bio-Brotladens auffangen können. „Die Schließung hat zu einem Riesen-Aufschrei in der Branche geführt“, sagt sie. Auch sie selbst sei nun „im Krisenmodus“. Mit Blick auf die steigenden Kosten für den Handel hat sie eine klare Mahnung: „Was einmal weg ist, ist weg.“

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