VW-Kannibalismus: Wird der ID.3 nun zum Golf-Jäger?

Wolfsburg/Zwickau.  Schwarzer September für „Golfsburg“. Der Kompaktkönig stürzt ab. Das könnte auch an der Elektrostrategie des Konzerns liegen.

Der Elektro-VW ID.3 trifft in der Kompaktklasse auf seinen Stallgefährten Golf. Im September ist das dem Golf-Absatz nicht gut bekommen.

Der Elektro-VW ID.3 trifft in der Kompaktklasse auf seinen Stallgefährten Golf. Im September ist das dem Golf-Absatz nicht gut bekommen.

Foto: Hardy Mutschler/Volkswagen AG

Mit besonderer Spannung werden derzeit die Verkaufszahlen des Elektroautos ID.3 von Volkswagen verfolgt. In Deutschland setzte VW seit der Markteinführung im Juli bis Ende September 2.263 Fahrzeuge ab. Im September waren es 1.771 Einheiten. Das Auto wird in der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) in der Kompaktklasse gelistet. Sie ist bezüglich des Volumens zusammen mit der Kategorie SUV die Königsklasse. Wie berichtet, werden dank der üppigen Kaufprämie deutlich mehr reine Stromer und vor allem Hybride verkauft als in den Monaten davor.

Wasser auf die Mühlen des Betriebsrates

Schaut man nur auf die Septemberzahlen, dann fällt der Vergleich zwischen Golf- und ID.3-Absatz nicht schlecht aus für den in Zwickau gebauten Stromer. Das liegt aber eher am schlechten Absatz des Golf, von dem nur 11.681 Einheiten im September verkauft wurden – ein Minus von 24,5 im Vergleich zum Vorjahresmonat und von 32,5 Prozent im Jahresvergleich. 1.771 Käufer entschieden sich für den ID.3. Sollte sich diese Tendenz noch weiter verstetigen, wäre das Wasser auf die Mühlen des VW-Betriebsrates, der ja immer lauter über ein E-Modell für Wolfsburg nachdenkt. Und zugleich würde der ohnehin stark bedrängte Golf sich gegen einen weiteren Konkurrenten aus dem eigenen Hause behaupten müssen. Dieser Konkurrent hat zudem den Vorteil, dass sein Preis durch die üppigen Kaufprämien subventioniert wird. Im Falle Golf gilt das nur für die beiden im Grundpreis teuren Hybride GTE und eHybrid.

ID.3-Absatz wird aus dem All beobachtet

Das Interesse an den Absatzzahlen des ID.3 treibt inzwischen seltsame Blüten. Das Handelsblatt berichtet beispielsweise, dass die Analysten des Frankfurter Brokerhauses Mainfirst Satellitenaufnahmen einsetzen, um die Bestände zu erfassen. „Satellitenkameras fotografieren das VW-Werk in Zwickau, wo das neue Fahrzeug produziert wird. Im Visier der Analysten sind auch Parkplätze, wo Volkswagen die Autos zwischenlagert“, schreibt das Wirtschaftsblatt. Die Überwachung der Lagerhaltung lasse Rückschlüsse auf Preisbildung und Nachfragesituation zu.

„Die Auslieferungen legen deutlich zu“

Für die Bewertung des Konzerns sind das relevante Informationen, schließlich baut Volkswagen-Chef Herbert Diess bedingungslos auf das Gelingen seiner Elektrostrategie. Für die kommerziellen Anleger ist es wichtig, die Erfolge und Risiken möglichst neutral einschätzen zu können. Schließlich hatte VW zunächst massive Probleme mit der Software der Fahrzeuge. „Die Satellitenkameras von Mainfirst wurden dann speziell auf das Zwickauer VW-Werk und den Flughafen Altenburg in Thüringen ausgerichtet“, berichtet das Handelsblatt. Dort hatte VW die noch nicht upgedateten Autos zwischengeparkt. „Unsere Daten zeigen, dass die Auslieferungen an die Kunden deutlich zulegen“, erläutert ein Mainfirst-Analyst in dem Beitrag. Volkswagen kann und will sich rechtlich gegen die professionell organisierte Ausspähung aus dem All und die Auswertung der gewonnenen Daten nicht wehren.

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