GR-Serie: Wie sich ein „Dorfverein“ zur Hochburg mausert

Wedelheine.  Serie „Kinder in Bewegung“ – Tanzen: Die Tanzsportabteilung des SV Wedes-Wedel schreibt seit 29 Jahren an ihrer Erfolgsgeschichte.

Immer schön im Takt bleiben: Neben Ausdauer wird beim Tanzen auch die Konzentration gefördert. Der Spaß kommt im Dorfgemeinschaftshaus in Wedelheine aber nie zu kurz. 

Immer schön im Takt bleiben: Neben Ausdauer wird beim Tanzen auch die Konzentration gefördert. Der Spaß kommt im Dorfgemeinschaftshaus in Wedelheine aber nie zu kurz. 

Foto: Sebastian Priebe / regios24

Der SV Wedes-Wedel ist eine Hochburg. Die Rede ist aber nicht von Tischtennis, Badminton oder Fußball – sondern vom Tanzen. Genauer gesagt: vom Jazz- und Modern Dance. Darin macht dem kleinen „Dorfverein“, wie die Abteilungsverantwortlichen selbst mit einem Zwinkern sagen, nämlich so schnell keiner etwas vor.

Schließlich sind nunmehr 12 Formationen und 170 Mitglieder stattliche Zahlen für die Tanzsparte der Papenteicher. Das Rezept für den Erfolg ist dabei so simpel wie genial: Im „Dorfverein“ geht es seit 1990 familiär zu, und jeder hilft, wo er kann – auch und gerade generationsübergreifend.

Eine Idee, die Fahrt aufnimmt

Eigentlich war es nur eine fixe Idee vor 29 Jahren. Nach dem Besuch einer Aufführung war in einer Gymnastikgruppe des SV das Interesse am Jazzdance geweckt. Kurzerhand erklärten sich zwei der Frauen bereit, Trainerinnen zu werden – und die erste Wedes-Wedeler Tanzgruppe war geboren. „Es hat einfach sehr viel Spaß gemacht“, erinnert sich Heike Pahlmann, die seit 2004 zusammen mit Ulrike Kröger die Spartenleitung innehat, an die Anfangszeit zurück.

Irgendwann kam dann der Punkt, an dem Kröger fragte: „Und die Kinder? Nach uns wäre ja sonst nichts mehr gekommen.“ Deswegen rief sie 1994 die Gruppe „Hot Step“ für Kinder um die zwölf Jahre ins Leben – prompt mit zwölf Mitgliedern. Ein Jahr später startete Pahlmann als Trainerin eine Gruppe für die Kleinsten. „Und dann ging es zack, zack zack. Jährlich kamen weitere Gruppen dazu“, so Kröger. Irgendwann zählte die Abteilung zwölf verschiedene Tanzgruppen.

Eigentlich hätte das Wachstum sogar noch weitergehen können, die Nachfrage ist groß genug. „Aber wir haben keine Kapazitäten mehr“, erklärt Kröger. Wedes-Wedel schöpft schon das Maximum an Hallenzeiten ab und nutzt beispielsweise auch Trainingsmöglichkeiten in Meine, damit alle Gruppen auch regelmäßig üben können.

Schließlich wollen die Schrittfolgen für die regelmäßigen Präsentationen gelernt sein. „Da können sich die Kinder dann zeigen und stärken so auch ihr Selbstbewusstsein“, sagt Heike Pahlmann. „Wir haben da auch immer wieder andere Gruppen zu Gast, um zu sehen, was andere Vereine machen.“ Dabei dreht es sich nicht nur um Jazzdance – zum Beispiel stand auch mal Breakdance inklusive Workshop auf dem Plan. Und ein ehemaliger Jazzdance-Tänzer bietet mittlerweile eine Jumpstyle-Gruppe für Erwachsene an. „Wir hätten auch gerne eine Jumpstyle-Jugendgruppe – aber da ist wieder das Problem mit den Kapazitäten...“, meint Pahlmann.

„Eigengewächse“ als Trainer

Wer die Gründe für den großen Zuspruch herausfinden möchte, der braucht nur ein Training des SV zu besuchen. Es ist nämlich zum einen das Tanzen selbst, das Groß und Klein in Wedelheine verzaubert und das für viel Spaß sorgt. Zum anderen ist es aber die Art und Weise, in der Jazz- und Modern Dance bei Wedes-Wedel angeboten wird.

Denn die Strukturen, sie sind wortwörtlich familiär geprägt: „Wir rekrutieren unsere Trainer aus den eigenen Reihen“, erläutert Heike Pahlmann grinsend. So wie beispielsweise ihre Tochter übernehmen viele der SV-Tänzerinnen und -Tänzer irgendwann selbst als Trainer Verantwortung und geben dann wiederum ihr Wissen an die nächste Generation weiter. „Dadurch kennen die Kleinen ihre Trainerinnen auch von den Präsentationen – und haben so echte Vorbilder zum Nacheifern“, führt Ulrike Kröger aus.

Das soll aber nicht heißen, dass dies auf Kosten der Qualifikation geht: „Wir achten darauf, dass alle eine vernünftige Fortbildung gemacht oder eine Ballettausbildung haben“, beleuchtet Kröger. Ihre Spartenleitungskollegin pflichtet ihr bei: „Es muss den Kindern ja auch qualitativ etwas bringen.“ Schließlich soll der Nachwuchs die Bewegungen und Schrittfolgen auch richtig lernen – egal, ob es sich um die kleinen „Pampers Rocker“ oder die im Ligabetrieb startende Formation „Golden Flow“ handelt.

Damit insbesondere die Tanz-Talente, die leistungsbezogen auftreten möchten, richtig gefördert werden, kommt einmal monatlich die Tanzpädagogin Mirja Kühn aus Hannover. „Sie hat einfach noch einmal ein ganz anderes Auge und hilft dadurch enorm“, betont Kröger. Ansonsten setzt Wedes-Wedel aber „nur auf Eigengewächse als Trainer“.

Mit Herz zur Hochburg

Am besten wird das Klima, das dieser Sparte innewohnt, durch eine spezielle Gruppe dargestellt: „Two Generations“. Hierin versammeln sich nämlich ­– wie der Name vermuten lässt – Tänzerinnen aus allen Gruppen und Altersstufen. Vom Jugendbereich bis zu „Jazz Unlimited“ oder anders gesagt: generationsübergreifend. „Wir hatten damit beispielsweise einen Auftritt in Braunschweig bei den Magic Moments – und haben den Publikumspreis gewonnen“, erzählt Heike Pahlmann.

Sie tut dies mit dem gleichen Strahlen im Gesicht, mit dem auch die jüngsten Tänzer beim Training den „Flieger“ machen. Es zeigt auch die „Geheimzutaten“ für den Erfolg der Wedes-Wedeler „Tanzfamilie“: Der große Zusammenhalt sowie die tolle Stimmung untereinander und, dass alle mit viel Herzblut und jeder Menge Freude bei der Sache sind – von der Spartenleitung über die Trainer und Eltern bis hin zu den jüngsten Tänzerinnen und Tänzern. Und genau so wurde aus dem kleinen „Dorfverein“ eben eine echte Hochburg.

„Eigentlich ist es für alles gut“

Von Standard und Latein über Hip Hop und RnB bis hin zu Square Dance, irischem Stepptanz – oder eben Jazz- und Modern Dance: Die Liste könnte noch viel länger werden. Denn die Tanzrichtungen und -formen sind genauso vielfältig wie die Musik, mit der sie hinterlegt werden.

In einem Punkt gleichen sich die verschiedenen Stile aber allesamt. Nämlich darin, was besonders junge Tänzerinnen und Tänzer bei diesem Sport für ihre persönliche Entwicklung mitnehmen können.

Gefühl für Körper und Raum

Zuvorderst wären da die physischen Aspekte zu nennen: Tanzen ist ein Ganzkörpersport, bei dem alle Muskelgruppen angesprochen werden. Zwar werden auf der Bühne keine Zweikämpfe wie in anderen Sportarten ausgetragen, dafür kommt es aber auf Haltung und Körperspannung an. So wird jede Choreographie zu einem Mini-Workout, das Kondition und Koordination erfordert.

Dabei wird ein Gespür für jede Körperfaser entwickelt. „Die Kinder haben durch das Tanzen ein ganz anderes Gefühl für ihren Körper im Raum“, betont Heike Pahlmann, eine der beiden Tanz-Abteilungsleiterinnen beim SV Wedes-Wedel. Dem pflichtet Birte Kulinna, stellvertretende Vorsitzende des KSB Gifhorn, bei. Die Heranwachsenden würden lernen, „ihren Körper wahrzunehmen und sich mit Bewegungen auszudrücken“.

Kopf trainieren, Charakter stärken

Das Tanzen ist auch gut für das Köpfchen. Angefangen bei für die Schule nützlichen Fähigkeiten: „Eine Choreographie besteht aus vielen Schritten – da ist auch das Gedächtnis gefordert“, erklärt Ulrike Kröger, ebenfalls Abteilungsleiterin bei Wedes-Wedel. So wie in der Schule ein Gedicht eingeprägt werden kann, lernen die Kinder beim Sport, sich zu konzentrieren und die korrekte Schrittfolge abzurufen.

Zudem stehen Tänzerinnen und Tänzer auch immer wieder auf der Bühne, präsentieren sich und ihr Können einem Publikum. „Dadurch stärkt es das Selbstbewusstsein – und die Kindern lernen, lockerer in solche Situationen zu gehen“, führt Birte Kulinna aus. Die Jazzdance-Experten aus Wedelheine gehen sogar noch einen Schritt weiter: „Sie lernen auch, ihre Wirkung auf andere einzuschätzen – und wie wichtig Gestik und Mimik sind“, erklärt Pahlmann. „Da passiert so viel, das ihnen so erst wirklich bewusst wird.“

Gemeinsam Ziele erreichen

Auch soziale Kompetenzen sind beim Tanzen gefordert – und werden so gefördert. „Teamfähigkeit und Rücksichtnahme sind sehr wichtig“, sagt Heike Pahlmann. Auch das Vertrauen auf und in andere Menschen, nämlich die Mannschaftsmitglieder, spielt eine wichtige Rolle. „Dabei sind auch die Gruppendynamik und das Verhalten darin hervorzuheben“, meint Kulinna. „Die Kinder übernehmen Rollen und lernen, gemeinsam Ziele zu verfolgen und was nötig ist, um diese dann auch zu erreichen.“

Oder, wie es Ulrike Kröger mit einem Lachen zusammenfasst: „Eigentlich ist das Tanzen für alles gut.“ Vor allem: Es ist ein schöner Sport. „Es gibt so viele Kinder die abdriften in Videospiele und nur noch am Handy unterwegs sind. Ich möchte die Kinder hier haben, in der Halle haben ­– damit sie spüren, wie schön es ist, sich mit anderen zur Musik zu bewegen“, erklärt die SV-Spartenleiterin.

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